Wie überlebt man als Überlebender, dem die Eltern und die Heimat geraubt wurden? Argyris Sfountouris überlebte als Vierjähriger das Massaker von Distomo 1944. Seine Eltern, 30 Verwandte, insgesamt 218 Dorfbewohner wurden jedoch von deutschen SS-Soldaten ermordet. Der Kampf um Gerechtigkeit ist sein Lebensmotor geworden. Er fordert wie Griechelands Regierung heute von Deutschland Reparationszahlungen für Greuel im Zweiten Weltkrieg. Und Griechenland fordert das nicht allein, auch die polnische Regierung will Ausgleichzahlungen für die vom deutschen Staat im Krieg angerichteten Schäden!

Argyris Sfountouris überlebte als Vierjähriger das Massaker von Distomo. Seine Eltern, 30 Verwandte, insgesamt 218 Dorfbewohner wurden jedoch von deutschen SS-Soldaten ermordet. Der Kampf um Gerechtigkeit ist sein Lebensmotor geworden, die Neugier auf die Welt hat ihn gerettet.

Der Himmel über Griechenland

Wie überlebt man als Überlebender, dem die Eltern und die Heimat geraubt wurden? Als traumatisiertes Kind wäre Argyris Sfountouris fast verhungert. Er konnte und wollte nicht essen. Doch irgendwann siegte der Überlebenswille. Er hungerte förmlich nach Bildung, das Interesse an der Welt verlor er nie.

«Es ist meine Aufgabe geworden, mich mehr als nur verbal für den Frieden einzusetzen.»

Zu seinem Lebensmotor ist der Kampf um Gerechtigkeit geworden. Als junger Lehrer verfolgte er von der Schweiz aus die Geschehnisse während der griechischen Militärdiktatur. Er wäre wohl verhaftet worden, wäre er nach Griechenland gereist, sagt er. Gleichzeitig konnte er sich als Noch-nicht-Schweizer – erst 1973 erhielt er die Staatsbürgerschaft – nicht politisch exponieren. Doch natürlich war ihm das Athener Obristenregime zutiefst zuwider. Es gelang ihm, Max Frisch zu einer flammenden Rede bei einer Veranstaltung gegen die Junta im Zürcher Börsensaal zu gewinnen. Nicht zufällig landete Sfountouris wohl auch im Entwicklungsdienst, arbeitete Anfang der 1980er Jahre in Somalia, ging nach Nepal und Indonesien.

Seitdem setzt er sich für die Anerkennung des Massakers als Kriegsverbrechen ein und versucht, Entschädigungen für die Opfer von Distomo zu erwirken. Es ist ein Kampf, bei dem es ihm das politische Deutschland nicht leicht macht – im Gegenteil. Noch 1996 sprach der deutsche Botschafter in Athen vom Massaker als «Massnahme im Rahmen der Kriegsführung», übernahm also die Version der Täter. Sfountouris spricht daher von der «Distomo-Lüge».

An schlechten Tagen ist die Kindheit sehr präsent. «Wie ich auf einmal mutterseelenallein dastehe, aus einem brennenden Haus fliehe.»

Obwohl sich Berlin bis heute auf die Staatenimmunität beruft und sich weigert, Entschädigungen zu zahlen, gelang es Sfountouris mit seinem beharrlichen Auftreten, das Schicksal von Distomo, das exemplarisch für das Schicksal vieler anderer griechischer Orte während des Zweiten Weltkriegs steht, in Deutschland bekannter zu machen. Genugtuung verschaffte ihm, dass der damalige Bundespräsident Gauck 2014 in Lingiades, einer weiteren Massakerstätte, um Vergebung bat und von «Raub, Mord und Terror» durch Deutsche sprach.

https://www.nzz.ch/international/griechenland-will-entschaedigung-fuer-deutschen-raub-im-zweiten-weltkrieg-ld.1431997

Griechenland fordert von Deutschland Reparationszahlungen für Greuel im Zweiten Weltkrieg
Griechenland hält am Anspruch fest, Reparationen von Deutschland für Verbrechen während der Besatzungszeit (1941–1944) zugut zu haben. Im November startet die Regierung Tsipras die Kampagne.
Andreas Ernst
In Griechenland ist die Erinnerung an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg immer noch wach. Militärparade in Thessaloniki im Oktober 2018 im Gedenken an Athens Weigerung, sich Mussolini zu unterwerfen. Das führte zur deutschen Invasion und Okkupation. (Bild: Giannis Papanikos / AP Photo)

In Griechenland ist die Erinnerung an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg immer noch wach. Militärparade in Thessaloniki im Oktober 2018 im Gedenken an Athens Weigerung, sich Mussolini zu unterwerfen. Das führte zur deutschen Invasion und Okkupation. (Bild: Giannis Papanikos / AP Photo)

Wie in andern Balkanländern errichtete die Wehrmacht auch in Griechenland von 1941 bis zu ihrem Abzug 1944 ein Terrorregime. Partisanenangriffe auf die Truppe wurden mit brutalen Vergeltungsaktionen gegen Zivilisten beantwortet. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung wurde deportiert und ermordet. Allein aus Thessaloniki verschwanden 50 000 Juden in den Vernichtungslagern. 1943 beschlagnahmte die Besatzungsmacht einen «Kredit» bei der griechischen Nationalbank über 476 Millionen Reichsmark, der zur Finanzierung des Afrikafeldzuges benutzt wurde. Der Raub beschleunigte den wirtschaftlichen Kollaps des Landes. Hungersnöte führten zu wenigstens 300 000 Toten.

75 Jahre später, Anfang Oktober, besuchte jetzt der griechische Präsident Prokopis Pavlopoulos Kreta. Auf der Insel hatten vor allem deutsche Fallschirm- und Gebirgsjäger gewütet. In Kallikratis, einem Gebirgsnest, waren damals dreissig Dorfbewohner von den Besatzern umgebracht worden, weil sie Partisanen unterstützt hatten. Pavlopoulos nutzte den Gedenkanlass, um klarzumachen, dass Griechenland weiterhin Reparationszahlungen von Berlin erwarte. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» glaubt, dass dies der Auftakt zu einer längeren Kampagne sei, die im November beginnen werde.

Auflistung der Schäden

Eine überparteiliche Kommission des griechischen Parlaments hat schon im August 2016 eine Untersuchung abgeliefert, die nach Aussage des Rechtsprofessors und Parlamentariers der regierenden Linkspartei Syriza Costas Douzinas einen vollständigen Überblick über alle Schäden gibt, die während der Besatzungszeit an Land und Leuten verursacht worden sind. Der Bericht schätzt sie auf 288 Milliarden Euro. Er soll im Parlament diskutiert und verabschiedet werden.

Es sei klar, dass Athen die Kampagne nicht habe führen können, während es das finanzielle Rettungsprogramm der EU und Berlins durchexerziert habe, wird Douzinas im britischen «Guardian» zitiert. Der Syriza-Abgeordnete im Europäischen Parlament Stelios Koulouglou glaubt, dass die Katastrophe von Besetzung und Krieg dafür mitverantwortlich sei, dass es Griechenland bis heute nicht geschafft habe, «ein moderner europäischer Staat» zu werden.

Der Bericht soll möglichst weit gestreut werden. Er soll medial verbreitet, aber auch im EU-Parlament, vor dem Europäischen Rat und bei der Uno vorgestellt werden. Nach Informationen des «Spiegels» soll die Bundesregierung danach formal aufgefordert werden, auf Reparationsverhandlungen mit Griechenland einzutreten. Sollte dies nicht geschehen – wovon auszugehen ist –, werde der Internationale Gerichtshof angerufen.

«Linkspopulistisches Manöver»

Berlin hält die griechischen Forderungen – genauso wie vergleichbare polnische – für unberechtigt. Deutsche Kommentatoren interpretieren sie als links- bzw. rechtspopulistische Manöver ohne rechtliche Relevanz. Die Reparationsfrage sei völkerrechtlich abschliessend geregelt: erstens durch das Globalabkommen zwischen den Regierungen in Athen und Bonn im März 1960 und zweitens durch Griechenlands «implizite Zustimmung» zum Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990. Anfang der 1960er Jahre hatte Deutschland insgesamt 115 Millionen D-Mark zugunsten griechischer Staatsangehöriger überwiesen, die von «nationalsozialistischen Verfolgungsmassnahmen» betroffen gewesen waren.

Für Athen ist die Angelegenheit damit allerdings nicht erledigt. Zwar hatte es 1953 im Londoner Schuldenabkommen einem Reparationsmoratorium zugestimmt. Danach sollten bis zu einer «deutschen Friedenslösung» alle Ansprüche aufgeschoben werden. Nach den Erfahrungen der Versailler Verträge am Ende des Ersten Weltkriegs und angesichts des aufziehenden Kalten Krieges sollte Deutschland nicht in eine Schuldknechtschaft gezwungen werden. Doch Friedensverhandlungen fanden nie statt. Stattdessen erklärten die vier Siegermächte im Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990, der die Wiedervereinigung ermöglichte, die Schuldenfrage für abgeschlossen. Dagegen protestierte Griechenland lange vor seiner Schuldenkrise: 1995 hiess es in einer Verbalnote der Botschaft an das deutsche Auswärtige Amt: «Griechenland hat nicht auf seine Ansprüche auf Entschädigungen und Reparationen für während des Zweiten Weltkriegs erlittene Schäden verzichtet.»

Deutschland will Polen keine Reparationen zahlen

(dpa) Kurz vor den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen hat die deutsche Regierung Forderungen nach Reparationen für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg erneut zurückgewiesen.
«Die Haltung der Bundesregierung dazu ist bekannt und hat sich nicht verändert», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag.
Polens Präsident Andrzej Duda hatte zuvor in einem Interview der «Bild am Sonntag» gesagt, dass Reparationszahlungen für ihn «kein erledigtes Thema» seien. Er verwies auf Gutachten des früheren Präsidenten Lech Kaczynski und Zwischenergebnisse einer Untersuchung des polnischen Parlaments. Daraus gehe hervor, «dass unsere Verluste nicht entschädigt wurden».
Für Deutschland ist das Thema dagegen mit dem 1990 unterzeichneten Zwei-plus-Vier-Vertrag abgeschlossen, der die internationale Grundlage für die deutsche Wiedervereinigung war. Darin heisst es, es seien «keine weiteren Reparationen» vorgesehen.
Am Freitag kommen Mitglieder beider Regierungen unter Leitung des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Warschau zusammen.

https://www.nzz.ch/international/griechenland-will-entschaedigung-fuer-deutschen-raub-im-zweiten-weltkrieg-ld.1431997

 

 

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