„Diese Menschen brauchen keine Spenden, sondern Jobs.“ Müde über die Oberflächlichkeit seines Lebens im reichen Teil der Erde fand ein junger Australier seine Zukunft in Afrika. Auf dem Bau in seinem Heimatland verdient der das Geld, um in Ghana Arbeit zu organisieren – mit einer afrikanischen Partnerorganisation vor Ort. Mut, Verständnis der anderen Kultur war nötig: Der Monatslohn liegt bei 108 Euro. Viele in Ghana leben von weniger Einkommen. 1,8 Millionen Minderjährige werden in Ghana zum Arbeiten gezwungen. Manche von ihnen schaffen als Prostituierte an. „Schlepper suchen sich gezielt Menschen in finanzieller Not“, um ihnen zu versprechen, ihren Kinder des Schulbesuch zu ermöglichen. Und viele Menschen in Ghana leben in existentieller Not. Die Schlepper nutzen sie dann aber als Arbeitssklaven. Manchmal tun das auch Verwandte. Auch wenn grundlegende Veränderungen der Weltwirtschaftsordnung nötig sind, um den Menschen in Ghana bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen, der junge Australier zeigt, wie man sinnvoll leben kann, dass uns unsere besseren persönlichen Chancen im reichen Teil der Welt Möglichkeiten schaffen, Menschen im armen Teil zu einem menschenwürdigerem Leben zu verhelfen.

Mode-Start-up in Ghana „Er hat mir ein neues Leben geschenkt“

Abraham Kwame wurde von seinem Onkel entführt und musste jahrelang in einem Fischerdorf in Ghana als Sklave schuften. Dann traf er auf einen junger Australier – und der Job in dessen Mode-Start-up veränderte sein Leben.

Von und Jan Helge Petri (Fotos)

Jan Helge Petri / UNI SPIEGEL

Der Tag, an dem Abraham seine Kindheit verlor, begann mit einem Versprechen. Sein Onkel sagte, er werde den Jungen mit nach Accra nehmen, Ghanas quirlige Hauptstadt. Er werde ihm eine Schule suchen, ihm Buntstifte und Bücher kaufen. Abraham, damals zwölf Jahre alt, war ein bescheidener Junge.

Er wohnte in Winneba, einem kleinen Küstenort am Atlantik. Noch nie hatte er ein Klassenzimmer von innen gesehen. Was der Onkel versprach, klang für ihn wie ein Traum; für seine alleinerziehende Mutter nach einer Erleichterung. Die Obstverkäuferin müsste dann nur noch neun Kinder satt bekommen.

Barfuß, mit T-Shirt und kurzer Hose bekleidet, stieg Abraham an einem Nachmittag mit dem Onkel in ein klappriges Tro-Tro, ein Bustaxi. Kleider brauche er keine, hatte der Onkel gesagt. In Accra gebe es viele schöne Geschäfte. Abraham wusste nicht, wie lange die Fahrt dauern würde, er schlief die meiste Zeit. Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag vor ihm keine Großstadt, sondern ein riesiger See, der in seiner Erinnerung dunkel und bedrohlich wirkte.

Der Lake Volta, im Landesinneren Ghanas gelegen, ist der größte Stausee der Welt, 8502 Quadratkilometer Fläche, mehr als dreimal so groß wie das Saarland, umgeben von unzähligen armen Dörfern. Der Lake Volta ist das Zentrum von Ghanas Fischindustrie – in der Zehntausende Kinder ihren Dienst tun. Sklaven.

Menschenrechte - Studie: 29 Millionen Menschen leben weltweit als Sklaven
dpa / Tugela Ridley
Kinder arbeiten am Volta-Stausee in Ghana für Fischer, denen sie von ihren mittellosen Eltern übergeben oder verkauft werden. Weltweit leben nach einer neuen Studie 29 Millionen Menschen unter Sklavenbedingungen.

Menschenhändler haben sie verschleppt. Den armen Eltern zahlten sie ein wenig Geld für ihre Söhne und Töchter. Oder sie beließen es bei verheißungsvollen Versprechen, wie bei Abraham. Insgesamt gibt es in Ghana schätzungsweise 1,8 Millionen Minderjährige, die zum Arbeiten gezwungen werden. Manche von ihnen schaffen als Prostituierte an.

Seit Abrahams Reise an den See ist einige Zeit vergangen. Heute ist er volljährig, ein schmaler Junge mit kantigem Gesicht und wachen Augen. Auf dem linken Unterarm trägt er eine dicke Narbe – ein Zeugnis unzähliger Stockhiebe. Er erzählt seine Geschichte im Schatten einer kleinen Schneiderei bei Winneba. Abraham nennt die Näherei „Paradies“. Denn die meisten Kinder kehren vom Stausee nie zurück. Auch er habe geglaubt, dort sterben zu müssen, sagt Abraham.

Das Dorf am Volta-Stausee, in das der Onkel Abraham vor sechs Jahren entführte, heißt Yeji. 5000 Menschen leben dort, die Straßen sind laut und dreckig, ein Umschlagplatz für Fische und Handelswaren. Ein trostloser Ort, der ihm bis heute in seinen Träumen erscheine, sagt Abraham.

Nach seiner Ankunft wollte Abraham von seinem Onkel wissen, wann sie endlich nach Accra fahren würden, wann er in die Schule gehen dürfe. Doch er bekam keine Antwort. Aus dem freundlichen Onkel war ein kalter, schmallippiger Mann geworden, der ihm nicht mehr in die Augen schaute. Von da an habe er sich vor ihm gefürchtet.

„Schlepper suchen sich gezielt Menschen in finanzieller Not“

Abraham wohnte mit seinem Onkel, dessen Frau und fünf anderen Kindern aus der Verwandtschaft in einer Lehmhütte am Ufer. Sie schliefen zusammen in einem Raum, die Erwachsenen auf einer Liege, die Kinder, das jüngste gerade sechs Jahre alt, auf einer dünnen Matte am Boden, ohne Decke, ohne Moskitonetz. Es gab keinen Strom, keine Lampen, nur Kerzen und einen alten Holzofen.

In der ersten Nacht flüsterte ein Kind in Abrahams Ohr, er werde fischen müssen, jeden Tag. Er werde nichts anderes mehr sehen als den See, er werde sich darin waschen und dort hineinmachen. Abraham dachte an seine Mutter, die hoffte, er werde zur Schule gehen, später ein besseres Leben haben. Tränen liefen über seine Wangen.

Später fragte er die anderen Kinder, wie sie zu dem Onkel am See gekommen waren. Ein Junge erzählte, seine Eltern hätten die Beerdigung der Großmutter nicht bezahlen können, also hätten sie ihn gegen 200 Cedi eingetauscht, umgerechnet 36 Euro. Ein anderer sagte, der Vater sei mit dem Ersparten der Familie abgehauen. Nun erhält die Mutter für die Dienste ihres Sohnes etwa 25 Euro pro Jahr.

„Schlepper suchen sich gezielt Menschen in finanzieller Not“, sagt Alfred Mensah von der ghanaischen NGO Challenging Heights, die Kinder und Jugendliche aus der Zwangsarbeit befreit. In Ghana sei es nicht ungewöhnlich, dass der Nachwuchs bei Verwandten aufwächst. „Deshalb werden Kinder selten als vermisst gemeldet.“

14 Stunden am Tag schuften

Jeden Morgen um vier trieb Abrahams Onkel sechs kleine, dünne Gestalten durch die Dunkelheit zum Ufer. Mit leerem Bauch schlichen sie vorbei an Wellblechhütten und schlafenden Hunden zu einem Holzkanu. Sie zogen das Boot ins Wasser und paddelten hinaus, der Onkel wachte am Heck.

Vierzehn Stunden am Tag mussten Abraham und die anderen Netze auswerfen, einholen und flicken. Sie fingen täglich Hunderte Fische, Tilapias, Welse oder Barsche, die mit ihren messerscharfen Zähnen zuschnappten und eiternde Wunden hinterließen. Die Kinder packten den Fang in Holzkisten, wuschen ihn an Land und nahmen ihn aus. Wenn sie nicht schnell genug arbeiteten, schlug sie der Onkel mit dem Paddel.

Oft verhedderten sich die Netze in den Wurzeln der vielen Bäume im Stausee. Die Kinder mussten dann ins Wasser springen und sie entknoten. Abraham konnte anfangs kaum schwimmen, aber der Onkel drohte mit Schlägen, wenn der Junge nicht tat, was er verlangte. Also tauchte Abraham in die Dunkelheit – Momente, die er nie vergessen werde, sagt er.

Abraham hatte das Netz schon aus dem Unterholz befreit, da verfing sich sein rechter Fuß in einer Masche. Er versuchte, sich loszureißen. Doch er war gefangen, Panik ergriff ihn. Mit letzter Kraft biss er das Netz durch, bevor er bewusstlos an die Wasseroberfläche trieb. Seine Kameraden zogen ihn ins Boot, pressten ihre Hände auf Abrahams Brustkorb, bis Wasser aus seinem Mund quoll.

Wenn Fischernetze wertvoller sind als Kinderleben

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen erzählen, dass den Fischern das Leben der Kinder weitgehend egal sei, weil neue Jungen billig zu beschaffen sind. Ein Netz dagegen kostet bis zu 200 US-Dollar. Ein Vermögen.

Jeden Nachmittag, wenn die Sonne tief stand, saßen Abraham und die anderen erschöpft vor der Lehmhütte, die Hände blutig von den viel zu schweren Netzen, im Schoß eine Schüssel mit Kinkey, einem Kloß aus Maismehl, die erste und einzige Mahlzeit des Tages.

Markt im Zentrum von Accra

Jan Helge Petri

Markt im Zentrum von Accra

 

Abraham trug jahrelang dieselbe Hose und dasselbe T-Shirt, obwohl die Klamotten Löcher bekamen und Abraham aus ihnen herauswuchs. Abends hängte er sie zum Trocknen über eine Leine. In Unterhose legte er sich schlafen, die Beine an die Brust gezogen. Der Onkel erzählte der Mutter am Telefon, dem Sohn gehe es prächtig, die Schule mache ihm Spaß. Dem Jungen erzählte er, die Mutter sei stolz, dass er so gute Arbeit mache.

Einmal versuchte Abraham zu fliehen. Nachts stahl er sich leise hinaus, doch er hatte keine Ahnung, wohin er laufen sollte. Sein Zuhause in Winneba war mindestens zwölf Autostunden entfernt. Verzweifelt trottete er am Morgen zurück zur Hütte, wo der Onkel auf ihn wartete. Er verprügelte ihn mit einem Stock, seine Frau schimpfte, welch Schande der Junge für die Familie sei.

Bis zu 25 Jahre Haft auf Kinderhandel

Diese Hiebe sollten die letzten sein, das schwor er sich. Abraham begann, heimlich Fische abzuzweigen, versteckte sie in einer Plastikkiste unter einem Steg. Wenn der Onkel fort war, verkaufte er den Fang unter der Hand. Den Lohn vertraute er einem Freund im Dorf an. Abraham sparte auf ein Busticket nach Hause. Doch es kam anders.

An einem Herbstnachmittag vor knapp zwei Jahren rollte eine Gruppe Männer und Frauen in einem Kleinbus in Yeji ein. Es waren Mitarbeiter von Challenging Heights. Abrahams Mutter hatte sie verständigt, ein Verwandter hatte ihr erzählt, was der Onkel mit ihrem Sohn trieb. Die NGO-Mitarbeiter drohten dem Mann mit der Polizei, wenn er Abraham nicht freigebe. Das wirkte.

Jan Helge Petri / UNI SPIEGEL

Aus der Hütte trat ein verängstigter Junge mit aufgeblähtem Hungerbauch hervor. „Sein Körper war voller blauer Flecken, er hatte Ausschlag von Würmern, die durch Schnecken im See übertragen werden“, erzählt NGO-Mitarbeiter Mensah. „Wir mussten ihn überreden mit uns zu kommen. Er hatte das Vertrauen in Fremde verloren.“

Abraham ging, die anderen Kinder an jenem Tag mussten bleiben. „Ohne Rückforderung eines Vormunds können wir wenig machen“, sagt Mensah.

Auf Kinderhandel stehen in Ghana bis zu 25 Jahre Haft, aber die Täter werden selten zur Verantwortung gezogen, meist aus Mangel an Beweisen. „Verurteilt man einen, muss man laut Gesetz alle aus der Schleuserkette verurteilen, auch die Mutter und den Vater“, erklärt Mensah. „Das wollen die Behörden vermeiden, weil die Kinder dann ohne Eltern dastehen.“

Abraham kam in ein Rehabilitationszentrum der Organisation, unweit seiner Heimat Winneba. Hier durfte er wieder Kind sein, durfte Fußball spielen, Lesen und Schreiben lernen, vernünftig essen. Abraham hatte längst vergessen, wie Reis und Eier schmecken. Er blieb zwei Monate, sprach mit Betreuern über das Erlebte, lachte wieder. Nur manchmal wachte er zeitig morgens auf, weil er glaubte, gleich zum Onkel ins Boot steigen zu müssen.

Die NGO besorgte Abraham einen Ausbildungsplatz bei einem Schneider. Später stellte ihm die Organisation Emmison Vernon-Skewes vor, einen Australier aus Adelaide. „Er hat mir ein neues Leben geschenkt“, sagt der Ghanaer.

Emmison, 22 und damit nur wenig älter als Abraham, rollt einen Kleiderständer durch seine Schneiderei bei Winneba und sagt: „Menschen wie Abraham sind der Grund, warum ich das hier mache.“ Seit einem Dreivierteljahr betreibt er die Werkstatt, hier lässt er drei Modelle von urbanen Sportjacken für den australischen Markt fertigen. Der Raum ist von Challenging Heights gemietet. Die Renovierung musste Emmison selbst bezahlen.

Emmison Vernon-Skewes

Jan Helge Petri / UNI SPIEGEL

Emmison Vernon-Skewes

 

Emmison beschäftigt vier Ghanaer, drei Männer und eine Frau, denen Ähnliches widerfahren ist wie Abraham. „Diese Menschen brauchen keine Spenden, sondern Jobs.“ Es ist der kluge Satz eines lässigen Typen in Chucks und Basecap. Wer ihn trifft, wundert sich, was so einer in Ghana will. Emmison war Model, für seine Aufträge reiste er durch ganz Europa. Doch irgendwann habe ihn die Oberflächlichkeit der Branche genervt, sagt er.

Die Idee zur Schneiderei kam ihm zufällig. Emmison hatte im Internet ein Video über moderne Sklaverei in einer Mine in Ghana gesehen. „Dieses Leid, diese Ausweglosigkeit, das bekam ich nicht aus dem Kopf.“ Er dachte an ein Spendenprojekt, aber zweifelte, ob das Geld bei den Menschen wirklich ankommen würde. Auf Instagram stolperte er über australische Windbreaker-Jacken, die er furchtbar öde fand, plötzlich habe es geklickt. „Bunte Streetwear made in Ghana“, sagt er, „das war es!“

Er suchte nach einer Organisation in Ghana, mit der er kooperieren konnte. Vergangenen Herbst flog er 38 Stunden lang nach Accra, um sich mit einem NGO-Vertreter zu treffen. „Der wollte, dass ich sofort loslege“, erinnert sich Emmison. Am Telefon überredete er seinen Zwillingsbruder, ihre gesamten Ersparnisse in das Projekt zu stecken und einen Onlineshop aufzubauen. „Mein Bruder denkt bis heute, ich spinne.“

Emmison konnte weder nähen noch Mode entwerfen – und er wusste nichts über Ghana. Er hatte keinen Schimmer, woher er die Stoffe beziehen sollte, welche Nähmaschinen er brauchte oder wie hoch die australischen Einfuhrzölle waren. Vermutlich muss man so drauf sein, weil einen die Ungewissheit sonst zermürbt.

Näherin Esi (rechts) stammt wie Abraham aus Winneba

Jan Helge Petri / UNI SPIEGEL

Näherin Esi (rechts) stammt wie Abraham aus Winneba

 

In den ersten sechs Wochen in Winneba bestellte Emmison drei Nähmaschinen, chinesische Modelle, einfache Technik, simpel zu bedienen. Er fuhr nach Accra auf den Makola Market, irrte stundenlang durch enge Gassen, suchte nach passenden Textilien, kaufte Muster, die er hip fand. Zurück in der Schneiderei stellte er fest, dass der Stoff zum Nähen viel zu grob war. Seitdem lässt er sich von einem befreundeten Händler beraten.

Die Arbeiter, die ihm die NGO für seine Werkstatt geschickt hatte, waren alle ungelernt – bis auf einen erfahrenen Schneider, den Emmison gleich zum Chef beförderte. Alle anderen ließen Nadeln brechen, nähten Säume unsauber und setzten Reißverschlüsse seitenverkehrt ein. Zwischendurch fiel der Strom aus, manchmal tagelang. „Jeder Schritt dauerte eine Ewigkeit“, sagt Emmison.

Er brauchte eine Weile, um die Mentalität der Ghanaer zu verstehen. Die Gesellschaft erziehe die Menschen dazu, sich bei Misserfolg schuldig zu fühlen. Also las Emmison Bücher zur Mitarbeiterführung. Statt zu tadeln, sagt er seinen Leuten nun, wie sie es besser machen können.

Textilhändler Courage (rechts) zeigt Emmison auf einem Markt in Accra seine Stoffe

Jan Helge Petri / UNI SPIEGEL

Textilhändler Courage (rechts) zeigt Emmison auf einem Markt in Accra seine Stoffe

 

Und langsam funktioniert es, auch wenn Emmison bislang noch keinen Cent verdient. Jeder Arbeiter muss sich morgens in ein Dienstbuch ein- und abends wieder austragen. Emmison zahlt mehr als den Durchschnittslohn in Ghana, umgerechnet knapp 108 Euro im Monat, Tüten mit Trinkwasser stellt er kostenlos zur Verfügung. 35 Stunden pro Woche arbeiten seine Leute, sie bekommen vier Wochen Jahresurlaub. Bis Ende des Jahres will Emmison zehn Schneider beschäftigen. Er hofft, dass er sich das leisten kann.

Im Moment fliegt der Australier alle paar Monate zwischen seiner Firma in Ghana und seiner Heimat in Adelaide hin und her – ein notwendiges Übel. Denn um seinen Lebensunterhalt und den Start seines Unternehmens zu finanzieren, jobbt Emmison in Australien auf dem Bau.

Die Arbeit in Ghana hat ihn gelehrt, nicht lange über Problemen zu grübeln, sondern nach Lösungen zu suchen. Bislang nähen seine Arbeiter nur vier Jacken pro Tag. „Wäre es mir nur darum gegangen, billig zu produzieren und schnelles Geld zu machen, hätte ich es in Asien versucht“, sagt er. Aber es gehe ihm um die Menschen, denen er eine Perspektive gebe.

Neulich saß Emmison mit Abraham in der Mittagspause unter einem Baum. Er fragte seinen Mitarbeiter, ob der Job Spaß mache. „Ja, sehr“, sagte Abraham und lächelte. „Ich habe sogar meinem Onkel vergeben.“ Der habe immer gesagt, Abraham werde auf ewig ein armer Fischer bleiben. „Jetzt habe ich ihm das Gegenteil bewiesen. Ich bin der moralische Sieger.“ Später, als Emmison allein war und über diesen Satz nachdachte, kamen ihm die Tränen.

http://www.spiegel.de/karriere/mode-start-up-in-ghana-er-hat-mir-ein-neues-leben-geschenkt-a-1232398.html

Die Schrottarbeiter und Anwohner des Slums atmen die Giftschwaden ein. Viele Recycler hantieren ungeschützt mit gefährlichen Materialien. Oft sind im Elektroschrott Stoffe wie Quecksilber, Blei und Kadmium oder Chemikalien zu finden. Resultate: Geschwächte Lungen, Tumore und Schilddrüsenprobleme. Was könnte getan werden? Wenn diese Arbeit für viele die einzige Chance auf Arbeit und Einkommen ist. Die Idee ist nun, aus den informellen Recyclern offizielle Verwerter zu machen. Das Verarbeiten von giftigen Stoffen und das Verbrennen von Plastik sollten aber gestoppt werden. Das hinzukriegen, ist eine gewaltige Aufgabe.

Unterwegs mit unserem Elektroschrott: Von Hamburg nach Ghana

Ein Fernseher in Deutschland wird ausrangiert. Monate später landet er auf einer riesigen Müllkippe in Ghana: in Agbogbloshie. Eine Spurensuche.

Unterwegs mit unserem Elektroschrott: Von Hamburg nach Ghana

Männer verbrennen auf dem Schrottplatz Agbogbloshie Kabel und andere Teile alter Elektrogeräte, um die rohen Metalle zu gewinnen und diese weiterzuverkaufen

(Bild: Gioia Forster/dpa)

Tony Obour ist ein Meister mit dem Schraubenzieher. Er brütet über einem Fernseher. In seinem Laden in Accra repariert der Ghanaer Altgeräte aus Europa. Andernorts in der westafrikanischen Millionenstadt beugt sich Lubman Idris über Metallreste. Er verdient sein Geld mit dem Rohstoffverkauf aus kaputter Elektronik. Über 5000 Kilometer entfernt, in Hamburg, hat auch Polizeioberkommissar Wolfgang Heidorn mit Bildschirmen und Kühlschränken zu tun: Er soll Elektromüll finden, der das Land eigentlich nicht verlassen dürfte.

Alle drei Männer haben Rollen in einem Wirtschaftskreislauf, der in Teilen illegal ist. Und der manche Menschen in armen Ländern krank macht: dem Geschäft mit ausrangierten Elektrogeräten.

Computer, Drucker, Staubsauger, LED-Leuchten: International wächst der Berg an Elektromüll. Eine UN-Studie schätzt, dass die Menge weltweit von 44,8 Millionen Tonnen auf über 52 Millionen im Jahr 2021 ansteigen wird. Auch weil Menschen in reichen Ländern wie Deutschland schnell die neueste Technik nutzen wollen. Das Handy ist nicht mehr angesagt. Der Laptop lädt zu langsam, die Auflösung des Fernsehers ginge besser – schon werden die Dinge ausgemistet. Andere haben den Geist wirklich aufgegeben.

Unser Elektroschrott in Ghana

Die alte Waschmaschine nimmt eventuell der Lieferant der neuen mit, viele kleine Geräte bringen wir zu einer offiziellen Sammelstelle. Oder die Dinge werden online, auf dem Flohmarkt oder im Gebrauchtwarenladen verkauft. Doch was passiert dann?

Häufig bleibt es im Verborgenen, was mit dem Abfall geschieht. Wobei längst klar ist, dass Altelektronik nicht wertlos ist. In ihr stecken kostbare Stoffe wie Gold. Doch wer kann das Ausrangierte am sinnvollsten wiederverwerten? Wo ist der beste Ort fürs Recycling?

Alte Geräte schippern oft auf andere Kontinente. Vieles wandert Richtung Afrika, häufig nach Agbogbloshie in Ghana, auf einen riesigen Schrottplatz.

Tafsir Rahimi hat sich auf alte Elektrogeräte spezialisiert. Der Afghane ist Händler in der Billstraße in Hamburg-Rothenburgsort. In Schuppen, Läden und Hallen sind Polstermöbel, Fernseher, Elektrogeräte und Fahrräder zu finden. Die Qualität reicht von ganz ordentlich bis eher Schrott.

Rahimi kauft Elektronik von Firmen, die von Verbrauchern zurückgegebene Altgeräte sammeln, wie er erläutert. Die regelmäßigen Kontrollen durch Polizei und Behörden in der Billstraße empfindet er als Stress. Kaputte Elektronik – also Schrott – darf nicht einfach in Länder mit niedrigen Standards exportiert werden. Seit einer Neufassung des Elektrogesetzes 2015 müssen Exporteure nachweisen, dass Altware noch funktioniert. Er lasse seine Geräte auf Funktionsfähigkeit prüfen, betont Rahimi.

Der nächste Halt der Ware aus der Billstraße ist häufig der Hamburger Hafen. Als größter deutscher Container-Umschlagplatz wird er von Reedereien im Liniendienst zwischen Europa und Afrika genutzt.
Den Ermittlern für Umweltdelikte ist auf dem Terminal in Altenwerder ein Container aufgefallen. Er ist doppelt so schwer, wie er nach den Frachtpapieren sein dürfte und muss zurück zur Spedition. Es könnten darin Elektrogeräte versteckt sein, die nicht mehr funktionieren. Kommissar Wolfgang Heidorn kommt zur Kontrolle.

Drei Stunden dauert es, bis afrikanische Helfer den Container geleert haben. Ans Licht kommen Plastikstühle, Kühlschränke, Fahrräder, Polstermöbel, TV-Geräte. Speditionsmitarbeiter Adigun Lawal betont, das sei kein Müll. Es gehe um den Handel mit Gebrauchtwaren. Afrikaner kauften lieber Secondhand-Dinge in Deutschland als Neues aus China, sagt der gebürtige Nigerianer. „Robust ist wichtig“, ergänzt er. Die Ghanaer, so seine Erfahrung, könnten fast alles reparieren.

Nach der Inspektion fällt Heidorns Bilanz bescheiden aus. Er hat eine Reihe von Fernsehern ohne Funktionsnachweis aufgespürt. Solche Prüfsiegel stellt zum Beispiel der Elektriker Danny Yayar aus – für etwa zwei Euro pro Gerät. Doch: Wann ist etwas Schrott? Das Gerät müsse die Hauptfunktion erfüllen, sagt Yayar. „Ein Kühlschrank muss kühlen.“ Yayars Firma testet, wie er sagt, rund 160.000 Geräte pro Jahr. Exportiert werde ein Vielfaches, vermutet er.

Das Hamburger Institut für Ökologie und Politik, kurz Ökopol, hatte für 2008 geschätzt, dass damals rund 155.000 Tonnen alte Elektrogeräte von Deutschland nach Afrika und Asien exportiert wurden. Neuere Detail-Erhebungen dazu fehlen. 2014 wurden in der EU nach Angaben von Eurostat 9,3 Millionen Tonnen Elektronik auf den Markt gebracht. Ein Jahr später waren es bereits 9,8 Millionen Tonnen. Etwa ein Drittel bis die rund Hälfte dieser Menge wird in Europa als Abfall getrennt gesammelt und entsorgt.

Einer der wichtigsten Importeure alter Elektronik ist Ghana. Etwa 7800 Kilometer legen die Schiffe von Hamburg zum Hafen Tema zurück. Von dort ist es eine halbe Fahrstunde zur Hauptstadt Accra.

Ein Kran hievt die Container von Schiffen auf Lastwagen. Die LKW rollen an Lagerhallen vorbei zu einem der Terminals. Hier wird der Inhalt inspiziert. 50 bis 100 Stück am Tag, rund 30 Minuten pro Container, erläutert Peter Bopam. Der Ghanaer in blauer Uniform hat im Jubilee Terminal das Sagen.
Die schwüle Tropenhitze ist erdrückend. „Wir versuchen, so viele Container wie möglich zu prüfen“, sagt Fred Yankey von der Steuerbehörde. Doch es gebe zu wenig Kapazitäten.

Und was passiert, wenn kaputte Elektrogeräte ankommen? Ghana hat wie viele andere Staaten die Baseler Konvention ratifiziert, die den Export von Elektroschrott in Entwicklungsländer verbietet.

Schulterzucken. Er prüfe nicht, ob etwas funktioniere, sagt Fred Yankey. Von dem deutschen Funktionsnachweis habe er noch nie gehört. „Die meisten Gegenstände, die reinkommen, funktionieren nicht“, sagt er leichthin.

„Natürlich darf Elektroschrott eigentlich nicht importiert werden“, erläutert Markus Spitzbart. Er ist für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, in Ghana. Diese entwickelt mit der Regierung in Accra Pläne, wie Elektromüll besser weiterverarbeitet werden kann.

Mit den alten Geräten aus Europa verdient Tony Obour seit fast 30 Jahren sein Geld. Obours Werkstatt liegt im Stadtviertel Abeka, etwa 50 Kilometer vom Hafen Tema entfernt. Der 51-Jährige repariert gebrauchte Fernseher. Der einzige Raum ist vollgestellt mit Regalen, in denen eingestaubte Ersatzteile liegen. Platz zum Arbeiten hat er nur vor dem Haus.

Die Geräte kaufe er von Importeuren, die ihre Ware neben dem Hafen anböten, erzählt Obour. Ob sie laufen oder nicht, findet er erst in seiner Werkstatt heraus. „Wir testen sie vorher nicht. So sind sie billiger“, sagt er. Von 20 Fernsehern seien etwa acht kaputt. Er versuche, so viele wie möglich zu reparieren. Dann verkauft er sie über einen Händler.

Sie stehen später im Wohnzimmer einer ghanaischen Familie oder hängen an der Wand eines Straßencafés. Aus den völlig kaputten TV-Geräten baut Tony Obour alles aus, was er als Ersatzteile nutzen kann. Was nach dem Ausschlachten übrig ist, hat für ihn keinen Wert mehr.

Für andere schon. Die Überreste gibt Obour an Schrottsammler. In ganz Accra sind sie zu sehen. Junge Männer, meist zwei, schieben Holzkarren vor sich her. Die Sammler gehen von Laden zu Laden, von Haus zu Haus, und holen kaputte Elektrogeräte ab.

Quelle: dpa

Fast alles, was Metall enthält, können sie gebrauchen. Damit ziehen die Sammler weiter in ein Gebiet westlich der Innenstadt von Accra. Rund 17 Kilometer sind es von Obours Werkstatt dorthin.

Agbogbloshie – so heißt dieses Stadtviertel. Es erstreckt sich entlang eines Flusses, dessen verdrecktes Wasser in eine Lagune und dann in den Golf von Guinea fließt. Agbogbloshie sieht aus wie der Friedhof unser elektronischen Welt.

Die Wege schlängeln sich an Alt-Motoren und Autokarosserien vorbei. Die Erde ist schwarz, wie am Fuße eines Vulkans. Fahrzeuggetriebe liegen herum, daneben türmen sich Berge von Plastikrahmen alter TV-Geräte. Aluminium aus Klimaanlagen ist sorgsam aufgestapelt. Unter einfachen Wellblechdächern werkeln junge Männer.

Agbogbloshie ist weltweit nicht als Stadtteil bekannt, sondern als Müllkippe. Hier landet Elektroschrott aus Ghana, Westafrika und der Welt. Hier trotzen Menschen dem Abfall verwertbare Reste ab und verdienen so ein klein wenig Geld.

In Ghana existiert fast keine reguläre Recyclingindustrie. „Wir kaufen die Sachen von den Leuten mit den Karren“, sagt Lubman Idris. Der 30-Jährige hat eine Mini-Werkstatt am Ufer des Flusses. Er und seine Freunde sitzen vor der Hütte und zerlegen Geräte. Idris öffnet ein Plastikgehäuse. Zum Vorschein kommt eine Kupferspule. Die braucht er.

Seit zwölf Jahren arbeitet Lubman Idris als Recycler. Er trägt ein weißes Trikot des FC Bayern. „Ich bin ein Fan von Bayern und Chelsea“, sagt er und grinst. Er kommt aus dem Norden Ghanas. „Dort gibt es keine Arbeit.“

Agbogbloshie wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Bald aber wird klar: Dies ist eine gut geölte Maschine, ein Markt mit System. Zehntausende arbeiten hier. Eine genaue Zahl gibt es nicht. Jeder hat seine Rolle: Sammler, Recycler, Agent, Händler. Auf dem Gelände existiert eine Vereinigung für Schrotthändler, sogar ein Büro der Steuerbehörde und Niederlassungen von Banken.

Eigentlich ist informelle Arbeit in Afrika gang und gäbe, jedenfalls kein Aufregerthema. Wären da nicht die Gefahren für Gesundheit und Umwelt. Über Agbogbloshie hängt stinkender Rauch. Er treibt von einer Freifläche herüber, hinter dem Schrottplatz. Die Recycler von Agbogbloshie kommen hierher, um Kabel aus alten Elektrogeräten zu verbrennen. Schmilzt das Plastik, lässt sich das Metall schnell entnehmen.

Die Schrottarbeiter und Anwohner des Slums atmen die Giftschwaden ein. Hinzu kommt, dass viele Recycler mit gefährlichen Materialien hantieren, ungeschützt. Fachleute untersuchen, wie geschwächte Lungen, Tumore und Schilddrüsenprobleme damit zusammenhängen. Oft seien im Elektroschrott Stoffe wie Quecksilber, Blei und Kadmium oder Chemikalien zu finden, so ein UN-Bericht.

Menschen wie Lubman Idris nehmen die Risiken hin. „Davor kann man nicht weglaufen“, sagt der 30-Jährige. Das Material, das er aus Altgeräten gewinnt – Kupfer, Aluminium, Eisen – gebe er weiter: „Die Händler kommen vorbei, kaufen es und verkaufen es dann an andere.“

Der Einkäufer kommt auf einem klapprigen Fahrrad zu den Recyclern. „Ich verkaufe es an Firmen, die die Metalle einschmelzen und exportieren“, sagt er. Der UN-Bericht schätzt den Wert des Rohmaterials aus Elektroschrott weltweit auf 55 Milliarden Euro. Und wohin werden die in Accra gewonnenen Metalle exportiert? Nach China, Frankreich, Indien, Deutschland, diese Länder nennt er als Beispiele.

So schließt sich der Kreis. Es gibt Märkte für Secondhand-Elektronik in Ländern wie Ghana und einen internationalen Markt für Rohstoffe aus Altgeräten. Ausrangierte Elektronik und Abfall als wertvoll zu erkennen, so betonen Fachleute, hat durchaus Pluspunkte.

„Unter Ressourcengesichtspunkten ist das erstmal total sinnvoll“, sagt Till Zimmermann vom Hamburger Institut Ökopol mit Blick auf den Export der Geräte. Viele würden weiter genutzt, bevor sie im Müll landeten. Abertausende Menschen wie Obour und Idris finden in dem Geschäft in armen Ländern zudem eine Beschäftigung.

Doch der echte Schrott landet zügig im Feuer auf dem Müllberg in Agbogbloshie. Und die Gesundheitsrisiken, die verdreckte Umwelt und die geringen Verdienste der Untersten im Abfallgeschäft stehen auf der Gegenseite der Bilanz.

Ein besseres Recycling wäre ein Anfang. „Weil der informelle Recyclingsektor in Ghana so gut organisiert ist, kann der formelle Sektor gar nicht richtig Fuß fassen“, sagt der Fachmann Spitzbart. Die Idee ist nun, aus den informellen Recyclern offizielle Verwerter zu machen. Das Verarbeiten von giftigen Stoffen und das Verbrennen von Plastik sollten aber gestoppt werden. Das hinzukriegen, ist eine gewaltige Aufgabe. (G. Forster und B. Sprengel, dpa) / (mho)

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Ghana verfügt über die drittgrößten Bauxitvorkommen Afrikas. Wie kannes für den Aufbau des Landes genutzt werden?

Metallerzeugung/Bergbau: Bauxit- und Aluminiumproduktion wird Wirtschaftsmotor

 

Bauxit (Aluminiumerz) ist durch Verwitterung von Feldspat in den Tropen und kann meist ohne grosse Sprengen mit Baggern abgebaut werden. Awaso, Ghana.

 Bilder zu Mineralische Rohstoffe

Das sogenannte Integrated Aluminium Project, in das geschätzte US-$ 8 Mrd. investiert werden und das für etwa 2,3 Mio. neue Arbeitsplätze sorgen soll, wird zu einem der Schlüsselfaktoren  für das Wirtschaftswachstum in Ghana. Es beinhaltet auch den Bau einer Aluminiumhütte bei den reichen Bauxitvor-kommen bei  Nyinahin in der Region Ashanti,  deren Produkte von der Volta Aluminium Company (VALCO) zu  Aluminiumbarren und -knüppel für die Industrie verarbeitet werden sollen. Noch seien, so heißt es, Konsultationen im Gange, um geeignete Investoren für die Raffinerie zu finden.
Die Bauxitvorkommen allein von Nyinahin sollen etwa 700 Mio. t umfassen, deren Wert mit US-$ 17,5 Mrd. angegeben wird. Deren Abbau werde etwa 98.000 Jobs mit sich bringen, wird berichtet, während die geplante Alumi-niumhütte etwa 19.000 Arbeitsplätze bieten soll.
Ghana verfügt über die drittgrößten Bauxitvorkommen Afrikas. Die Lagerstätten bei Kibi in der Eastern Region im Süden des Landes umfassen etwa 300 Mio. t.  Im ersten Halbjahr 2012 war die Bauxitproduktion auf 295.993 t gestiegen; im Vergleichszeitraum des Vorjahres betrug sie noch 173.601 t. (pm)

http://www.afrikaverein.de/nachrichten/nachrichten-im-ueberblick/oeffentliche-nachrichten/date/2013/08/15/article/metallerzeugungbergbau-bauxit-und-aluminiumproduktion-wird-wirtschaftsmotor/

Industrielle Fisch-Wilderei vor Afrikas Küsten zwingt viele Fischer zur Flucht: Supertrawler, auch aus der EU, plündern die Meere vor Westafrika. Immer öfter bleiben deshalb die Netze der ghanischen Kleinfischer leer. Sie kämpfen ums Überleben. Da 90 Prozent der Bestände in europäischen Gewässern als überfischt gelten, kauft die EU Fangrechte von Drittstaaten. Das Elend der Fischer in Afrika gilt als ein Grund für ihren Versuch der Migration nach Europa.

Warum die Fischer in Ghana leiden

Von Philipp Lichterbeck

Di, 24. Juni 2014

Ausland

Keiner wird mehr satt: Supertrawler, auch aus der EU, plündern die Meere vor Westafrika – wie ein Fischer aus Ghana verzweifelt um schrumpfende Fischbestände kämpft.

Stille über dem Ozean. Zwei Stunden lang dröhnte der Außenborder, dann hat Joshua Akaa ihn per Knopfdruck abgestellt. Schweigend steht der Fischer am Heck seiner Piroge und lauscht in die Nacht hinein. Es ist fünf Uhr morgens auf dem Golf von Guinea, über dem 38-Jährigen treiben Wolkenfetzen vor den Halbmond, unter ihm schlägt das Wasser schmatzend gegen die Holzplanken seines Boots.

Nach einer Weile sagt Joshua: „Ich kann die Fische hören. Ich weiß, wohin sie schwimmen.“ Er startet den Motor wieder und steuert weiter hinaus aufs offene Meer. Als die letzten Lichter der Küstendörfer verschwunden sind, drosselt er die Fahrt. Er wirft eine Handvoll Sand ins Wasser und entscheidet: „Hier!“

Wieder einmal soll sich Joshua Akaa irren. Drei Stunden zuvor hatte er sich mit den Hilfsfischern James und Ahene am Strand des Orts Kokrobite getroffen, wo seine Piroge im Sand liegt. Joshua schraubte den kleinen Yamaha-Motor am Boot fest und gemeinsam schoben sie das acht Meter lange Gefährt ins Meer. Kokrobite liegt 30 Kilometer westlich von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Früher war es ein reines Fischerdorf, dann entdeckten Touristen die Palmenbucht, und Ausländer investierten in kleine Hotels und Strandbars. Seitdem kommen Rucksackreisende, Entwicklungshelfer und Botschaftsangehörige, um sich zwischen den bunten Booten der Fischer zu sonnen, eine pittoreske Kulisse. Jedoch spielt sich dahinter ein Drama ab, das man nicht sehen kann. Denn es handelt von der Leere – im Meer, im Netz und auf dem Teller.

Als Joshuas nächtliche Entscheidung gefallen ist, wirft er einen Anker aus und James und Ahene bringen das Netz aus. Es ist aus Nylon, zwei Meter breit, Plastikschwimmer und Gewichte halten es in der Senkrechten. Die Männer schweigen, die Arbeit ist monoton. Nur ab und zu stimmt Joshua ein Lied an: „Looloo, looloo, looloo.“ In seiner Sprache Ga, die um Accra herum gesprochen wird, heißt „loo“ Fisch. „Looloo, looloo, looloo.“

Positionslampen?

Wer soll die bezahlen?

Als es eine Stunde später grau-rosa dämmert, tauchen Dutzende andere Fischerboote auf dem Ozean auf – bananenförmige Pirogen mit Außenbordern, wie die von Joshua, einige Segler, nicht größer als Nussschalen, aber auch große, imposante Holzschiffe, auf denen ein Dutzend Seeleute im Akkord arbeiten. Trotz ihrer nächtlichen Fahrt ist keins der Boote beleuchtet. „Positionslampen?“, fragt Joshua, „wer soll die bezahlen?“

Er und seine Crew sind sechs Nächte pro Woche auf dem Wasser, ohne Kompass, Funkgerät oder Handy. Joshua Akaa fährt seit 26 Jahren hinaus aufs Meer. Sieht man von dem 20-PS-Außenborder ab, fischt er noch so wie sein Urgroßvater. „Sterne, Wind, Wellen, Intuition“, sagt er, seien seine Navigationsinstrumente. Das antwortet er auch auf die Frage, woher er weiß, wo die Fische sind.

James zieht einen Blechtopf unter einer der Sitzbänke hervor. Darin ist ein Püree aus Sardinen und Yams, einer Krautpflanze, das die Männer sich wortlos mit schwieligen Händen in den Mund schaufeln. Joshuas Augen unter der Baseballkappe wandern unruhig hin und her. Auf seinen Wangen prangen Stammesnarben, seinen Oberkörper hat er in einen blauen Mantel gehüllt. Joshuas Gehilfen tragen weite, fleckige Baumwollhosen und Hemden. James, 32, hat ein knochiges Gesicht, in das sich tiefe Furchen gegraben haben. Ahene ist 19 Jahre alt, ein langer Mann mit sehnigen Beinen und breitem Lächeln. Beide bekommen am Ende jeder Fahrt 25 Prozent des Fangs. Joshua stellt Motor, Benzin und Netz. So ist die Abmachung. Nach dem Frühstück balanciert James barfuß zum Bug und holt das Netz ein. Die Ernte hat begonnen. Dabei bleibt der Motor aus, um Benzin zu sparen. Joshua und Ahene nehmen die Maschen des Netzes auf, legen es sorgfältig auf dem Boden zwischen den Holzbänken zusammen. „Loo, loo, loo. Loo, loo, loo.“

Joshuas Boot heißt „Oneday“. Es ist aus dem leichten hellen Holz des Abachi-Baums geschnitzt. An einer Stelle unterhalb des Bugs steht in blauer Farbe „John 3:16“, ein Vers aus dem Johannesevangelium: „… damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden“. Ganz weltlich flattert an einer Stange die Fahne von Ghanas Regierungspartei, der sozialdemokratischen NDC. Seit der 2012 verstorbene Präsident John Atta Mills von der NDC den Treibstoff der Fischer subventionierte, sind diese feste Parteigänger. Joshuas Außenbordmotor hat eine Füllung von 24 Litern, die kosten umgerechnet 20 Euro. Wenn es schlecht läuft, dann ist das eine Tageseinnahme.

Es dauert einige Minuten, bis die ersten Fische in den Maschen des Netzes zappeln: drei Rote Schnapper. Dann muss James die Arbeit unterbrechen, weil sich das Netz der „Oneday“ mit dem eines anderen Boots verheddert hat. Ahene springt ins Meer und schafft es nach einigem Tauchen, die Netze zu entwirren.

Mit der Zeit holt James immer mehr Fische an Bord – aber keiner ist länger als 20 Zentimeter. Schnapper, Makrelen und Sardinen. Die Männer lassen sich die Enttäuschung nicht anmerken. Nur als Joshua einen Riss im Netz bemerkt, flucht er. „Das war ein großer Bursche!“ Als bald das schwarze Fähnchen, das den Netzanfang markiert, auftaucht, übernimmt Ahene den Job von James. Das Erste, was er zutage fördert, sind zerfetzte Quallen. Es folgen Plastiktüten, Plastikflaschen, Kunststoffsandalen, wieder einige Makrelen, Sardinen und Schnapper.

Einzige Unterbrechung der Monotonie ist ein Streit mit der Besatzung eines anderen Boots, der „Drogba“, die die Fahne der Elfenbeinküste gesetzt hat. Zehn Männer wuchten auch dort ein fast leeres Netz an Bord. Der Streit ist absurd: Man beschuldigt einander, brüllend übers Wasser hinweg, nicht gegrüßt zu haben. Fäuste werden geschüttelt. Die Anspannung hat auch mit der Konkurrenz zu tun. „Es gibt zu viele Fischer“, sagt Joshua. „Keiner wird mehr satt.“ Nach einer Stunde übernimmt er selbst die letzte Schicht. Doch auch er hat nicht mehr Glück. Nur am Ende greift er einen wild mit dem Schwanz schlagenden Hummer aus dem Netz. Aber der kann die Stimmung an Bord auch nicht mehr aufhellen. Joshuas Intuition hat versagt.

Oder steckt etwas anderes hinter dem leeren Netz? Ghanas Küstengewässer zählten einst zu den fischreichsten der Welt: Barrakudas, Heringe, Makrelen, Haie, Thunfische, Tintenfische und Barsche schwammen hier, außerdem gab es Hummer, Langusten, Krabben, Muscheln und Schildkröten. Ghana war neben dem Senegal die bedeutendste Fischfangnation Westafrikas mit einer mehr als 500 Jahre alten Tradition. Bis heute ist Fisch eine der wichtigsten tierischen Proteinquellen, 75 Prozent des heimischen Fangs werden lokal konsumiert. 300 Anlegestellen hat das Fishery Committee for the Gulf of Guinea an der 550 Kilometer langen ghanaischen Küste gezählt. Darunter die Tiefseehäfen in Tema und Takoradi, aber auch Dörfer wie Kokrobite. Zwei Millionen Ghanaer leben von der Fischerei – zehn Prozent der Bevölkerung. 125 000 von ihnen sind Meeresfischer wie Joshua. Die anderen arbeiten als Verkäufer, Zwischenhändler oder Bootsbauer. Doch sie alle bangen um ihre Existenz, weil die Fischgründe erschöpft sind.

„Wir fangen nicht mehr viel“, stöhnt Joshua. „Aber manchmal haben wir auch volle Netze“, versucht er seine Klage sofort abzumildern. Es scheint, als ob ihm die schlechten Fänge peinlich seien. Als ob sie seine Fähigkeiten als Fischer infrage stellen. Dabei kämpft Joshua einen Kampf, den er gar nicht gewinnen kann: Handwerk gegen Industrie, Holzkanu gegen Fabrikschiff, Intuition gegen satellitengestützte Ortungstechnik.

Die Katastrophe begann, als die UN in den 1980er-Jahren beschlossen, die Hoheitsgewässer auf 200 Seemeilen auszuweiten. Gleichzeitig legten sie fest, dass die Zone zwischen der zwölften und der 200. Seemeile zur wirtschaftlichen Nutzung ausgeschrieben werden muss, wenn ein Land sie nicht selbst abfischen kann. Dazu entschloss sich etwa die Elfenbeinküste, Nachbarland Ghanas. Sie hat an die EU in einem „Fischereipartnerschaftsabkommen“ bis 2013 das Recht abgetreten, in ihren Gewässern Thunfisch zu jagen. Dafür zahlt die EU fast 600 000 Euro jährlich. Andere Länder bekommen deutlich mehr. Etwa Mauretanien, das jedes Jahr 70 Millionen Euro kassiert, nicht von den Reedern der Fangschiffe, sondern von den EU-Steuerzahlern. Dass die Gelder oft nicht zur Förderung einer „verantwortungsvollen Fischereipolitik“ verwendet werden, wie es in den Verträgen heißt, sondern in die Taschen korrupter Beamter fließen, ist kein Geheimnis.

In Brüssel betont man das Positive: Die EU-Flotte sei ausgelastet und Arbeitsplätze seien gesichert. Außerdem würden die überfischten europäischen Fanggründe entlastet. Das Negative hat Greenpeace aufgelistet: Die Fischbestände vor Westafrikas Küste, und damit die Existenzgrundlage von Millionen Menschen seien ernsthaft gefährdet. Allein der Beifang eines Supertrawlers, der während einer Fangfahrt tot oder sterbend wieder ins Meer geschüttet wird, entspreche dem Jahreskonsum von 34 000 Westafrikanern. Der Lösungsvorschlag der EU: Die europäischen Trawler sollen den minderwertigen Teil ihrer Beute in Afrika verkaufen. Was den Effekt hat, dass die afrikanischen Kleinfischer noch schneller in den Ruin getrieben werden, weil sie mit den Dumpingpreisen nicht mithalten können.

Ghana weigerte sich von Anfang an, Fischereiabkommen zu schließen. Das Land war selbst in der Lage, seine Küsten abzufischen, weil es 140 Trawler aus sowjetischer Fabrikation besaß. Dann aber zwang die Weltbank das Land zum Abwracken und Privatisieren der staatlichen Flotte, die überwiegend von Koreanern und Chinesen aufgekauft wurde. Immer öfter drangen nun auch ausländische Schiffe illegal in ghanaische Gewässer ein. Darunter nicht nur Schiffe unter dubiosen Flaggen wie Honduras, Liberia oder Panama, auch russische, chinesische und europäische Trawler. Die EU-Flotte wird zu zwei Dritteln von spanischen Schiffen gebildet, aber auch deutsche und niederländische Supertrawler gehören dazu. Die größten können pro Tag 250 Tonnen Fisch fangen, verarbeiten und einfrieren. Für die gleiche Menge bräuchte Joshua sein ganzes Fischerleben. Die britische Beraterfirma Marine Resources Assessment Group schätzt, dass Ghana jeden Tag illegal um Fische im Wert von 100 000 US-Dollar gebracht werde.

Ein weiterer Effekt der ausländischen Raubfischerei ist die Verdrängung der alten, in Ghana registrierten Kutter. Sie kommen nun der Küste immer näher und machen dort Joshua die Fische streitig. Wegen der engmaschigen Netze werden Jungfische mitgefangen, womit Nachwuchs fehlt. Auch wenden sie das verpönte Lichtfischen sowie das verbotene Paartrawlen an: Ein Netz wird zwischen zwei Kutter gespannt und alles Meeresleben dazwischen regelrecht wegrasiert.

Es ist neun Uhr, die Sonne sticht bereits, als Joshua den Außenborder starten will, um nach Kokrobite zurückzufahren. Doch so sehr er am Anlasser reißt – der Motor rührt sich nicht. Joshua klappt den Außenborder hoch, nimmt die Verkleidung ab, schraubt herum, verstellt und reinigt das Innere der Maschine. Beim nächsten Versuch knattert der Motor los, säuft aber sofort wieder ab. Joshua schraubt und fummelt. Bange Minuten. Es ist niemand in Sicht, der Joshua den langen Weg zurückschleppen könnte. Schließlich nimmt Joshua den Benzinfilter heraus, versucht ihn zu überbrücken. Und tatsächlich, der kleine Motor tuckert los, einwandfrei, bis Land in Sicht ist.

Am Strand von Kokrobite warten Jugendliche und Kinder, als Joshua die „Oneday“ geschickt von einer Welle auf den Strand tragen lässt. Mit Stricken ziehen sie das Boot über Planken auf den Sand und beginnen sofort die Fische aus den Netzen zu ziehen. Der Boden der „Oneday“ bedeckt sich langsam mit silbern glänzenden Makrelen und Sardinen, alle klein bis mittelgroß. Am Ende wird der Fang aufgeteilt. Es bildet sich eine Traube. Die Frauen der Fischer verkaufen viele Fische schon am Strand für insgesamt einige Ghanaische Cedis, ein bis zwei Euro, und tragen den restlichen Fang in Bottichen auf dem Kopf ins Dorf.

Es war ein schlechter Tag – „morgen fangen wir mehr“

Joshua, Ahene und James setzen sich in den Schatten der „Oneday“ und flicken mit langen Nadeln das Netz. Es ist schon Nachmittag, als Joshua den Außenborder abschraubt und nach Hause trägt. Er bewohnt mit seiner Frau und 13 Kindern ein kleines, bröckelndes Steinhaus, vorn die Küche mit einigen Stühlen, hinten die Betten. Ein Fernseher ist da, ein paar Hühner laufen umher, die Toilette ist im Hof. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass man hier von der Hand in den Mund lebt.

Er könne sich keine andere Arbeit vorstellen als Fischfang, sagt Joshua. Er hat weder Land noch ist er gebildet. Seit er zwölf ist, fischt Joshua. Darauf ist er stolz. Es nützt ihm bloß wenig, wenn es keine Fische mehr gibt. Als Joshuas Frau nach Hause kommt, bringt sie 37 Cedis mit, umgerechnet 15 Euro, und einige Fische für das Abendessen. „Manchmal bringt sie auch 100 Cedis mit“, sagt Joshua, „und manchmal gar nichts“. Von dem Geld müssen Reis, Yams, Öl und Wasser gekauft werden. Und Treibstoff für den Außenborder. Es war ein schlechter Tag sagt Joshua. „Morgen fangen wir mehr.“

Kleine Fische

Immer öfter bleiben die Netze leer. Ghanas Kleinfischerei kämpft ums Überleben.

Von Irmgard Kirchner

Pirogen vor Winneba: 130.000 solcher Unikate gibt es in Ghana – noch.

Dienstag ist der Sonntag der Fischer. Bunte Boote schaukeln in Sichtweite verankert im Wind. Auf dem schmalen Streifen Strand vor Jamestown östlich der Hauptstadt Accra türmen sich trocken gelegte Boote zwischen einfachen Holzhäusern mit Wellblechdach. Die Männer sind an Land. Sie flicken die riesigen Netze, dösen in der Nachmittagssonne und arbeiten an ihren Booten. Ayala, ein junger Fischer mit Dreadlocks, streicht seine Piroge liebevoll neu. Diesmal blau-rot gestreift – einschließlich der Ruder. „Es wird ein richtiges FC-Barcelona-Boot“, erklärt er stolz. Fußball, starke Farben und Sinnsprüche schmücken die bis zu 40 Meter langen Pirogen, deren Rumpf aus einem einzigen Holzstamm geschlagen wird. Etwa 13.500 solcher Boote gibt es in Ghana, jedes ein Unikat und fast alle mit kleinem Außenbordmotor. Auf ihnen fahren geschätzte 130.000 Männer regelmäßig aufs Meer.

„Dienstag ist auch der Tag, an dem wir unsere Konflikte schlichten“, erklärt Nii Abeo Kyerekuanda. Der alte Mann, Zeit seines Lebens Fischer, leitet den Dachverband der ghanaischen Pirogenfischer (Ghana National Canoe Fishermen Council).

Fischer zu sein ist mehr als ein Beruf, traditionell bedeutet es auch, Mitglied einer engen Gemeinschaft zu sein, die auf ein geregeltes und organisiertes Miteinander angewiesen ist. Die Position der Netze beeinflusst die Fangmenge. Unter den einzelnen Fischern wird dann ein Ausgleich gesucht.

„Früher konnte man überall und zu jeder Tageszeit ausfahren, es gab Fisch im Überfluss“, erzählt Nii Abeo Kyerekuanda. Seit Beginn der 1990er Jahre allerdings gingen die Fänge spürbar zurück. Einige der lokalen Fischer reagierten mit aggressiveren Methoden. Fischen mit Licht, Dynamit, oder mit engmaschigeren Netzen – mittlerweile verboten – hätten das Problem verschärft. „Sie machen das dennoch, aus Frustration“, sagt der alte Fischer, „weil sie einfach nicht genug fangen.“

Doch das ist nur eine Form illegaler Fischerei. Westafrikas Fischgründe werden nämlich nicht nur legal geplündert, mit Lizenz und Partnerschaftsabkommen. Die industrielle Hochseefischerei wildert auch in großem Stil (siehe Beitrag auf Seite 12). Und immer wieder dringen Trawler an der Küste Ghanas in die Zone ein, die der Kleinfischerei, der sogenannten handwerklichen Fischerei vorbehalten ist, den Bereich von 30 Metern Meerestiefe und mindestens 15 Kilometern Breite. Dabei kommt es zu gefährlichen Begegnungen. Neenyi Nioni Kaako ist Chief Fisherman von Winneba in der Central Region von Ghana. Das lokale traditionelle Oberhaupt in Fischerei-Angelegenheiten berichtet von unbekannten Schiffen mit bewaffneten Besatzungen, die Pistolen auf aufgebrachte Fischer gerichtet hätten.

Meist bleibt der Feind jedoch unsichtbar und zerstört in der Nacht die von den handwerklichen Fischern ausgelegten Netze. „Vor zwei Wochen habe ich 16 meiner 24 Netze verloren, weggerissen von einem Schiff, das mit einem Grundnetz gefischt hat“, klagt Kojo Bassah, ein Berater des Chief Fisherman. Die Fischer erhalten keine Entschädigung. Die Kennzeichen der fremden Schiffe sind schwer zu entziffern oder absichtlich abgedeckt. Viele Fischer können nicht lesen. Selbst wenn es gelingt, das Schiff zu identifizieren, bleibt die Anzeige folgenlos.

Kwame Abatea Bondzie hat kürzlich sechs Netze verloren. Ihm entgeht gerade die Hering-Saison. Wie die meisten Fischer hat er keine Ersparnisse, um die zerstörten Netze zu ersetzen. Und zu wenig Bildung für andere Verdienstmöglichkeiten.

Fischen ist mehr als ein Beruf, es ist eine Lebenswelt. Auf dem Wasser eine gefährliche Welt der starken Männer, die unter rhythmischen Gesängen und tanzend ihre Netze einholen. Wenn sie an Land zurückkommen, werden sie von vielen Frauen erwartet.

Frauen, die Fisch für ihre Familie kaufen wollen, aber auch Zwischenhändlerinnen und andere Geschäftsfrauen. Eine von ihnen ist Adua Adjowa Breba.

„Es gibt nicht genug Fisch und jedes Jahr wird er weniger“, klagt sie. In Ghana liegen Handel und Weiterverarbeitung der Fische aus handwerklicher Fischerei weitgehend in Frauenhand. Seit drei Stunden wartet Adua am Strand von Winneba auf die Rückkehr des Bootes, das ihr gehört. Sie hat die Ausfahrt bezahlt. Der Fang wird dann durch drei geteilt: ein Drittel für die Fischer, ein Drittel für die Kosten und ein Drittel für die Bootseignerin.  An guten Tagen hat Adua Adjowe Breba binnen einer Stunde den frisch gefangenen Fisch geräuchert und für den Verkauf im Hinterland vorbereitet. An einem schlechten Tag allerdings kommen die Fischer mit leeren Netzen zurück und sie hat 300 Cedis, umgerechnet 120 Euro, verloren.

Fisch ist in Ghana sehr beliebt und als Proteinquelle für die Bevölkerung unverzichtbar. Mit 25 Kilogramm pro Jahr essen GhanaerInnen zwölf Kilo mehr als der afrikanische Durchschnitt und zehn Kilo mehr als weltweit gerechnet verzehrt wird. 2,5 Millionen Menschen, rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, arbeiten direkt oder indirekt im Fischereisektor, der 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Der Export von Fisch, teilweise verarbeitet und zum Großteil Thunfisch, hat dem Land im Jahr 2011 256 Mio. US-Dollar an Devisen eingebracht.

Ghanas handwerkliche Fischer arbeiten seit Jahrhunderten für ihren Lebensunterhalt auf eine Weise, die den Fortbestand der Meereslebewesen gesichert hat. Heute sind sie die schwächsten AkteurInnen in diesem Sektor. „Wir sind so verletzbar und können mit der industriellen Fischerei nicht mithalten. Die handwerkliche Fischerei stirbt“, klagt Nana Jojo Salomon, Chief Fisherman von Elmina. Die Fischergemeinschaften würden verarmen, Prostitution, Kriminalität und Drogenmissbrauch zunehmen. Nana Jojo Salomon engagiert sich bei einem neu gegründeten zivilgesellschaftlichen Netzwerk. Diese Civil Society Alliance for Fisheries Agenda (CAFA) will die nachhaltige handwerkliche Fischerei stärken. Und wie andere Fischer erhebt er bittere Vorwürfe gegen die Regierung und die zuständige Behörde, die die Einhaltung der Gesetze und den Schutz der handwerklichen Fischerei nicht durchsetzen.

Samuel Quorte, der Direktor der Fisheries Commission, der staatlichen Fischereibehörde, die dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstellt ist, spielt die Probleme der handwerklichen Fischerei herunter. Zu Jahresbeginn habe Ghana vier neue Schnellboote gekauft, zur Überwachung der Küsten inklusive der Bekämpfung der illegalen Fischerei und Wilderei. Aktuell seien aus den letzten beiden Jahren 40 Fälle illegaler Fischerei bei den lokalen Gerichten anhängig. „Wir haben schon viel gemacht“, aber „rechtliche Angelegenheiten brauchen Zeit.“ Er sieht die Zukunft von Ghanas Fischereisektor in der Aquakultur. Die Regierung eines Landes, das an die fischreichsten Gebiete der Erde grenzt, setzt auf Fischzucht in Käfigen.

Südwind deckt auf

Ein Aktionsteam von Südwind hat kürzlich in Ghana recherchiert und macht in Österreich auf die kritische Situation der handwerklichen Fischerei in Westafrika aufmerksam. Österreich müsse sich auf EU-Ebene und international für eine sozial und ökologisch nachhaltige Fischerei und das Menschenrecht auf angemessene Ernährung einsetzen. Gefordert wird auch ein Ende der EU-Subventionen für die völlig überdimensionierte Hochseeflotte der EU. KonsumentInnen empfiehlt Südwind Fisch aus heimischer Aquakultur und nachhaltiger Produktionsweise.
ki

https://www.suedwind-magazin.at/kleine-fische

Die Fischräuber

Industrielle Wilderei vor Afrikas Küsten

von Kyle G. Brown

Gaborone, die Hauptstadt Botswanas: Per Erik Bergh sitzt in seinem Büro vor dem Computer und verfolgt über http://www.marinetraffic.com den Schiffsverkehr vor der Küste Ostafrikas. Kleine Dreiecke auf dem Bildschirm zeigen die Position dutzender winziger Fischerboote. Eins davon sticht Bergh ins Auge.

Der Norweger kämpft seit mehr als zwanzig Jahren gegen den illegalen Fischfang vor den Küsten Afrikas. Dabei versucht er auch Druck auf lokale Behörden auszuüben. Doch die sind entweder schlecht ausgerüstet oder wollen sich nicht mit den Verbrechern anlegen, die Jahr für Jahr mit ihren Schleppnetzen illegal viele tausend Tonnen Fisch fangen.

Bergh und sein zehnköpfiges Team arbeiten für die NGO „Stop Illegal Fishing“. Sie haben einen Tipp von einem der EU-Beobachtungsschiffe bekommen, die im westlichen Indischen Ozean operieren. Jetzt versuchen sie, mit Satellitenaufnahmen, Radarbildern und diversen Fotos Informationen über einen Trawler namens „Greko 1“ zu gewinnen. Der hat einen griechischen Besitzer, fährt aber unter ständig wechselnder Flagge. Zurzeit ist es die von Belize.

Die ersten Aufnahmen des 28 Meter langen Trawlers hatte Bergh im Oktober 2016 von Überwachungsflugzeugen erhalten. Sie zeigten die ­„Greko 1“ beim Fischen in somalischen Gewässern, was eigentlich nur einheimische Fischer dürfen. Sofort hatte er die FISH-i Task Force informiert, die in acht Staaten Ostafrikas – von Somalia im Norden bis Mosambik im Süden – arbeitet.

Viele Länder Afrikas versuchen, gemeinsam mit NGOs die Meeresfauna zu schützen, doch ihre Mittel sind begrenzt. Die Initiative Stop Illegal Fishing betreibt Nachforschungen, stellt ihre Daten zur Verfügung und bietet Ratschläge an. Größere Organisationen wie Greenpeace und Sea Shepherd patrouillieren mit eigenen Booten, die auch die einheimische Fischereipolizei, die oft keine hat, nutzen kann, um illegal fischende Trawler zu verfolgen.

Die „Greko 1“ befand sich noch in der Nähe des Hafens von Mogadischu, als Berghs Alarmmeldung per E-Mail bei Said Jama Mohamed einging. Der stellvertretende Fischereiminister kannte den griechischen Trawler, da dieser schon öfter in somalischen Gewässern gesichtet worden war. Mohamed war klar, dass er jetzt schnell handeln musste, bevor die Crew ihre illegale Fracht mithilfe gefälschter Dokumente absetzen konnte.

Da seine Patrouillenboote nicht genügend Sprit hatten, forderte der Vizeminister für die Verfolgung des Trawlers Schnellboote der Polizei an. Die Durchsuchung bestätigte den Verdacht. Seine Leute fanden mehr als 30 Tonnen Fisch, außerdem auch gefälschte Dokumente. Als Mohamed diese am 12. Oktober 2016 in seinem Büro überprüfte, erhob er Anklage gegen den Kapitän. Doch am nächsten Morgen war die „Greko 1“ verschwunden. Daraufhin wurden alle Schiffe der an FISH-i beteiligten Staaten

Die Fischräuber

aufgefordert, jedes aus Richtung Somalia kommende Schiff zu stoppen und zu kontrollieren. „Wir haben alle informiert“, sagt Mohamed, „dass die ‚Greko‘ von uns keine Fanglizenz für 2016 hatte. Deshalb sollten sie das Schiff aufbringen. Von den Trawlern, die in mehreren Ländern fischen, operieren viele mit gefälschten Papieren.“

Es ist das alte Lied: Wieder einmal war ein Fischtrawler entwischt, weil die wenigen somalischen Patrouillenboote nicht genug Sprit hatten, um die 3000 Kilometer lange Küste des Landes – die längste ganz Afrikas – zu überwachen.

Mit ihrem Fischreichtum und der unzureichenden Überwachung ziehen Afrikas Küstengewässer die Hochleistungstrawler aus Ostasien, Russland und Europa an. Nachdem diese Fabrikschiffe ihre eigenen Fischereizonen fast leergefischt haben, grasen sie nun die Weltmeere ab.

Schon in Ostafrika haben die Fischereibehörden größte Mühe, die hunderte ausländischen Trawler im Auge zu behalten, die an den Küsten des Indischen Ozeans fischen. Doch an der Westküste des Kontinents hat das Problem längst andere Dimensionen angenommen. Die Experten der unabhängigen Organisation FishSpektrum, die auf Big-Data-Analysen spezialisiert sind, gehen davon aus, dass allein China zwischen der Straße von Gibraltar und Kapstadt etwa 600 Trawler im Einsatz hat.

Auch viele europäische, russische und türkische Schiffe sind vor den Küsten Westafrikas unterwegs. Vor Mauretanien sind so viele Trawler auf See, dass sie am nächtlichen Horizont eine regelrechte Lichterkette bilden. „Bei dem Anblick glaubst du, du bist in einer Großstadt“, sagt Dodou Sene, der im Fischerort St. Louis im äußersten Norden von Senegal lebt.

Sene fischt seit 35 Jahren beiderseits der Grenze zu Mauretanien. In dieser Zeit haben die illegalen Aktivitäten, die für sein Land gefährlich sind, ständig zugenommen. Senegal hat eine lange Fischereitradition, deren Basis etwa 20 000 hölzerne Pirogen sind. Diese kanuartigen Einbäume sind die Existenzgrundlage vieler Familien in den Küstenregionen, aber auch für die Wirtschaft des ganzen Landes.

Früher hat Dodou Sene seine 14 Meter lange Piroge mehrmals in der Woche ins Meer geschoben – bis zum 16. Januar 2017, dem Tag, an dem alles anders wurde. Heute ist der 50-Jährige ans Bett gefesselt. Sene hat immer noch muskulöse Arme und trägt ein Tanktop und die klassische Strickmütze. Regungslos starrt er vor sich hin, als er seinen letzten Tag auf See schildert.

Noch vor Sonnenaufgang war er aufgebrochen, zusammen mit seinem ältesten Sohn, der als einziges seiner sieben Kinder auch Fischer werden wollte. Youssoupha hatte sich seit Langem auf den Tag gefreut, an dem er seinem Vater sagen würde, er könne sich zur Ruhe setzen, weil der Sohn jetzt für die Familie sorgen werde. In Senegal hat es Tradition, dass die jungen Männer das Boot der Familie übernehmen.

Senes Sohn ließ sich von dem harten Leben auf See nicht abschrecken und auch nicht von der Herausforderung, mit immer mehr Pirogen zu konkurrieren, die auf der Jagd nach immer weniger Fischen immer weiter hinausfahren müssen. „Als ich anfing, waren es 30 bis 40 Kilometer; heute müssen wir 130 Kilometer hinausfahren, weil der Fisch immer schwerer aufzuspüren ist.“

An jenem Januarmorgen fischten Sene, sein Sohn und die dreiköpfige Mannschaft nur 8 Seemeilen (etwa 13 Kilometer) vor der Küste. Nach ihren Morgengebeten begannen sie ihre Langleinen auszulegen. Plötzlich entdeckte Youssoupha ein Schiff, das von hinten auf sie zuraste. Mit einem Schrei warnte er seinen Vater, der den Motor auf Vollgas drehte, um dem Schiff auszuweichen. Zu spät. Das große Fabrikschiff bohrte sich in die Piroge, die auseinanderbrach.

„Als Nächstes spürte ich, dass ich unter Wasser war“, erzählt Sene, „ich tauchte erst wieder auf, als das Schiff schon weg war.“ Sene und die anderen hatten keine Schwimmwesten angelegt und mussten sich, um nicht unterzugehen, an den herumschwimmenden Styroporboxen festklammern, in denen sie normalerweise ihren Fang transportierten. Da merkte Sene, dass er den linken Arm nicht bewegen konnte. Er hielt sich mit dem rechten Arm an der Box fest und rief nach seinem Sohn. Keine Antwort. Youssouphas Leiche wurde nie gefunden.

Aber der Albtraum war noch nicht vorbei. Als Sene im Krankenhaus der mauretanischen Hafenstadt Nouadhibou aus der Narkose aufwachte, sah er, dass sein linker Arm an der Schulter amputiert war. Auch sein linker Fuß war aufgerissen. Sene hofft zwar, irgendwann wieder gehen zu können, aber die einzige Arbeit, die er gelernt hat, kann er nicht mehr ausüben. Durch den Verlust von gleich zwei Geldverdienern ist seine große Familie noch tiefer in die Armut gestürzt.

Ein Strand wenige Kilometer weiter. Fischer steigen aus ihren Pirogen und schleppen große Kisten mit Fisch auf ihren Schultern an Land. Ich bin mit Mustafa Dieng hierhergekommen. Der Vorsitzende der unabhängigen Fischergewerkschaft erläutert, dass die Fabrikschiffe, die ihren Fang gleich an Bord verarbeiten, oft viel zu nah an der Küste fahren. Deshalb komme es zu tödlichen Zusammenstößen, die manchmal aber auch mit schlechtem Wetter oder fehlenden Schwimmwesten zu tun hätten.

Das Fabrikschiff bohrte sich in die Piroge

„Wir bekommen immer wieder Berichte über Zusammenstöße“, sagt der Gewerkschafter. „Und wir haben den Eindruck, dass die Fabrikschiffe nachts irgendwann auf Autopilot umstellen. Dann ist niemand mehr auf der Brücke. Selbst wenn eine Piroge vor ihrem Bug auftaucht, sehen sie diese nicht und krachen einfach in sie rein, ohne abzubremsen.“ Solche Kollisionen sind auch die Folge einer verzweifelten Konkurrenz auf der Jagd nach den begrenzten Fischbeständen. Und diese Konkurrenz wird nicht nur durch den illegalen Fischfang, sondern auch durch das legale Überfischen verschärft.

Zum Beispiel gibt es internationale Fischereikonzerne, die mit afrikanischen Regierungen undurchsichtige Vereinbarungen getroffen haben. Auch die Europäische Union hat mit mehreren Staaten Afrikas Verträge abgeschlossen, die den EU-Staaten Zugang zu den Fischbeständen verschaffen – als Gegenleistung für finanzielle und technische Unterstützung. Die Summen liegen zwischen 1,8 Millionen Euro pro Jahr für Senegal und 60 Millionen für Mauretanien, das über reichere Fischgründe verfügt.1 Die Fischer selbst sehen jedoch nicht, inwiefern ihnen dieses Geld hilft, zumal ein Großteil davon für Überwachung und Kontrolle vorgesehen ist.

„Der industrielle Fischfang ist für den Senegal eine Katastrophe“, sagt Abdou Karim Sall, Vorsitzender der senegalesischen Fischervereinigung und zuständig für die Meeresschutzgebiete des Landes. „Die Ausländer fischen in verbotenen Zonen. Und die Mengen, die sie deklarieren, sind falsch: Sie melden 50 000 Tonnen, aber tatsächlich sind es fast 100 000 Tonnen. Und sie fischen nicht nur zu viel, sie arbeiten auch mit Fangtechniken, die das natürliche Habitat zerstören.“

Da die senegalesischen Fischer in Küstennähe kaum noch Fische finden, wagen sie sich oft in mauretanische Gewässer. Früher durften sie das, doch 2015 ist das bilaterale Abkommen, das den Fischfang auf beiden Seiten der Grenze erlaubte, ausgelaufen. Seitdem verfolgt das Nachbarland eine harte Linie. Die mauretanische Küstenwache hat in den letzten Jahren mehrere senegalesische Fischer erschossen.

Zuletzt traf es diesen Januar einen 19-Jährigen aus St. Louis. Der Tod des jungen Mannes führte zu wütenden Protesten, bei denen Geschäfte von mauretanischen Eigentümern zerstört wurden. Zwei Wochen danach fuhr Senegals Präsident Macky Sall nach Nouakchott und versprach dem mauretanischen Staatsoberhaupt Mohamed Ould Abdel Aziz, eine neue Vereinbarung zu unterzeichnen.

Präsident Sall verdankte seinen Wahlsieg vom März 2012 unter anderem dem Versprechen, den Fischereisektor (der 600 000 Leute beschäftigt) zu reformieren und die Kontrolle über die ausländischen Fabrikschiffe zu verbessern. In einer Wahlkampfrede hatte er erklärt: „Ich bin entschlossen, die von uns ausgestellten Fischereilizenzen zu überprüfen und die Piratenschiffe zu bekämpfen, die unsere Fischbestände plündern.“

Seitdem hat die senegalesische Regierung strengere Gesetze verabschiedet, dubiosen Betreibern die Lizenz entzogen und ein neues Kontrollsystem für die Fangmengen eingeführt. Außerdem hat das Amt für Fischereischutz und -kontrolle seine Flotte aufgestockt und höhere Strafen eingeführt, was eine Expertenstudie ausdrücklich lobt.2 An der Studie mitgearbeitet hat Dyhia Belhabib, die das Sea-Around-Us-Projekt der kanadischen University of British Columbia berät. Auch sie kommt zu der Einschätzung, dass höhere Strafen für „IUU-fishing“ (IUU steht für illegal, ungemeldet und unreguliert) den gesetzwidrigen Fischfang zurückdrängen.

Belhabib und ihre Kollegen aus ­Mauretanien, Senegal, Guinea, Gambia, Guinea-Bissau und Sier­ra Leone haben errechnet, dass den sechs Ländern durch illegalen Fischfang jedes Jahr gut 2 Milliarden Euro entgehen, was 65 Prozent der offiziell gemeldeten Fangmenge entspricht. Der illegale Fischfang gefährdet damit die Ernährungssicherheit in einer Region, in der sich die Bevölkerung laut UN-Prognose bis 2050 mehr als verdoppeln wird.

Obwohl die großen Trawler keine Rücksicht auf Grenzen nehmen, lässt die Zusammenarbeit der betroffenen Länder in Westafrika zu wünschen übrig. Das zeigte sich letztes Jahr bei einer Patrouille der senegalesischen Marine.

Am 25. Februar 2017 um 9 Uhr abends orteten die Senegalesen das 94 Meter lange Fabrikschiff „Gotland“, das illegal in ihren Gewässern fischte. Als das Überwachungsteam den Kapitän der „Gotland“ über Funk anfragte, ob es an Bord kommen könne, ergriff dieser die Flucht. Das löste eine vierstündige Verfolgungsjagd aus, die bis in mauretanische Gewässer führte. Als die Senegalesen merkten, dass aus Mauretanien keine Unterstützung kam, riefen sie das Patrouillenboot zurück.

„Wir haben unsere Nachbarn um Hilfe gebeten, aber leider haben sie nicht kooperiert”, sagt Captain Mamadou Ndiaye, der Chef des senegalesischen Amts für Schutz und Überwachung der Fischerei. „Man kann die eigene Ausschließliche Wirtschaftszone3 überwachen, aber wenn die AWZ des Nachbarlands nicht überwacht wird, können illegale Fangschiffe jederzeit dorthin flüchten und dann, sobald wir weg sind, wieder zurückkommen. Wir können es uns nicht leisten, unsere Patrouillenboote da rund um die Uhr herumfahren zu lassen.“ Auf mauretanischer Seite behauptet der Leiter des Amts für die Nutzung der Fischbestände, er sei „über kein illegales Fischen dieses Schiffes informiert worden“.

Die „Gotland“ ist nur eines von vielen Schiffen, die sich in den Gewässern Afrikas herumtreiben. Statt eigene Flotten von Fabrikschiffen aufzubauen, verkaufen die meisten afrikanischen Küstenstaaten Lizenzen an ausländische Trawler, die sich am Ende den Löwenanteil des maritimen Reichtums sichern. Nach Schätzung der Welternährungsorganisation FAO nehmen die Länder Afrikas mit dem Verkauf von Fischereirechten an Ausländer pro Jahr 400 Millionen Dollar ein. Wenn sie stattdessen in ihren eigenen Fischereisektor investieren würden, könnten es 3,3 Mil­liar­den Dollar sein.4

Bei der Überwachung ihrer Gewässer arbeiten einige Regierungen inzwischen mit Umweltschutzorganisationen zusammen. Im Februar 2017 entsandte Greenpeace sein Forschungsschiff „Esperanza“ auf eine zweimonatige Mission nach Senegal, Guinea, Guinea-Bissau und Sierra Leone.

Das 72 Meter lange Schiff verfügt über einen Hubschrauberlandeplatz und hat auch Schnellboote an Bord. Zum Aufspüren verdächtiger Schiffe nutzten die Greenpeace-Aktivisten und die Besatzungsmitglieder Daten, die sie von der jeweiligen Küstenwache, aus Schiffsradar-Informationen und von Greenpeace-Teams an Land erhielten. Das Greenpeace-Schiff fuhr vor jedem Land sieben Tage Patrouille – und konnte dabei in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden mehr Trawler stoppen, als es die einzelnen Länder manchmal in einem ganzen Jahr schaffen. Über die Hälfte der illegal operierenden Schiffe waren aus China, die übrigen aus Südkorea, EU-Ländern und von den Komoren.

Da die Fischereisünder wissen, dass Entwicklungsländer und NGOs ihre Schiffe mithilfe von Satellitentechnik aufspüren können, manipulieren sie ihre Signale an das automatische Identifikationssystem (AIS) oder schalten sie ganz ab.

Pavel Klinckhamers ist auf der „Esperanza“ für die Überwachung zuständig. Der 46-jährige Meeresökologe studiert 16 Stunden am Tag Seekarten, digitale Dateien und Radarbilder. Zwischendurch geht er an Deck, um die am Horizont auftauchenden Schiffe zu taxieren. „Von hier aus kannst du sehen, dass viele Schiffe unterwegs sind, die nicht auf dem Bildschirm auftauchen“, stellt er fest und setzt sein Fernglas an. „Die senden keine AIS-Signale. Das gilt für 50 Prozent dieser Schiffe – sie verstecken sich.“

Die Weltnaturschutzunion (International ­Union for Conservation of Nature, IUCN) hat 2017 die Bestände von 1288 Knochenfischarten in den Gewässern zwischen Mauretanien und Angola ermittelt. Ihr Befund lautet, dass 51 Arten aktuell oder demnächst vom Aussterben bedroht sind. Bei vielen handelt es sich um wichtige Nahrungsmittel, insbesondere für die Bevölkerung der Küstenregionen.5

Im März 2017 haben wir auf der „Esperanza“ – bei bedecktem Himmel und stürmischer See – zugleich die Vergeudung maritimer Ressourcen gesehen. Auf dem Wasser trieben hunderte tote Fische, die nach Ansicht unseres Kapitäns von Trawlern entsorgt worden waren, die es nur auf bestimmte marktgängige Fischarten abgesehen hatten.

Wenig später trafen zwei kleine Pirogen mit einheimischen Fischern ein, die ins Wasser sprangen und begannen, meterlange Adlerfische in ihre Boote zu hieven. Jedes Exemplar dieser dicken, fleischigen, mit den Barschen verwandte Fischart kann eine sieben- oder achtköpfige Familie satt machen. Abdou Karim Sall berichtet von ähnlichen Erlebnissen. „Wenn die Schiffe nur auf Oktopusse aus sind, schmeißen sie alles, was nicht Oktopus ist, wieder ins Meer zurück. Tot.“

Weltweit werden auf diese Weise jährlich mehr als 10 Millionen Tonnen Fisch weggeworfen, schätzt die Organisation The Sea Around Us. Die kanadischen Forscher haben ermittelt, dass so zwischen 2007 und 2017 – trotz schrumpfender Bestände – fast 10 Prozent der weltweiten Fangmengen verloren gingen.6

Während die „Esperanza“ nach Süden fährt, kommen zwei Schiffe in Sicht, die Seite an Seite liegen. Die Greenpeace-Aktivisten steigen zusammen mit den Offiziellen aus Guinea-Bissau in ihr Schnellboot. Auf frischer Tat haben sie einen Trawler erwischt, der eine Ladung Fische an ein zweites Schiff namens „Saly Reefer“ übergibt. Mit versteinerter Miene steht der russische Kapitän auf seiner Brücke, als ihm ein Beamter erklärt, dass man ihn wegen illegalen „Umladens“ außerhalb eines Hafens anklagen und sein Schiff in einen Hafen geleiten werde. Für die lokalen Behörden, die normalerweise nicht die Mittel haben, um Schiffe weit draußen auf hoher See zu verfolgen, ist das ein kleiner Erfolg.

Das Umladen ist eine übliche und effektive Methode, um die Ware schnell auf den Markt zu bringen. Auf hoher See, also außerhalb der Sicht- und Reichweite der lokalen Kontrolleure, mischen die Unternehmen den illegal gefangenen Fisch mit genehmigten Mengen. So können sie die Küstenstaaten übervorteilen und die internationalen Märkte mit Meeresfrüchten dubiosen Ursprungs beliefern. Die Europäische Union – der weltweit größte Markt für Fisch und Meeresfrüchte – importiert Schätzungen zufolge jährlich illegal gefangenen Fisch im Wert von mindestens 1 Milliarde Euro.7

In nur wenigen Tagen haben Greenpeace und die einheimischen Inspektoren mehrere illegal operierende Schiffe aufgebracht. Einige von ihnen – wie die „Gotland“ und die „Saly Reefer“ – sind offenbar für europäische Unternehmen tätig, andere fahren beispielsweise unter der Billigflagge der Komoren, denen die EU bereits Handelssanktionen angedroht hat, falls sie ihre Kontrollen nicht verbessern.

Nach dem internationalen Seerecht können die Eigentümer ihre Schiffe unter jeder Flagge der Welt fahren lassen. Zahlreiche kleine Länder stellen nicht viele Fragen und sind auch technisch nicht in der Lage, die Aktivitäten der Schiffe zu überwachen. Einige Eigentümer lassen ihre Schiffe auch unter verschiedenen Namen fahren oder sie fälschen die Zulassungspapiere oder erfinden undurchsichtige Firmenstrukturen.

Die „Gotland“ zum Beispiel ist auf die in Belgien ansässige Firma Inok N.V. eingetragen. Doch die Frau, die wir ans Telefon bekommen, leitet unseren Anruf an ein Büro in Russland weiter, das uns empfiehlt, im Karibikstaat Saint Vincent und die Grenadinen nachzufragen, unter dessen Flagge die „Gotland“ fährt. Da das Schiff noch mit einer anderen Firma verbandelt ist, bleibt unklar, wer die Eigentümer sind.

Die „Saly Reefer“ und andere Schiffe, denen IUU-Praktiken vorgeworfen werden, lassen sich zu einer Sea Group SL zurückverfolgen, deren Schiffe in Spanien registriert sind. Das spanische Fischereiministerium bestreitet jedoch, dass die Schiffe spanische Besitzer haben.

NGOs helfen bei der Verbrecherjagd

Die Regierung in Madrid hatte jahrzehntelang nichts gegen die illegale Fischerei spanischer Firmen unternommen. Doch neuerdings geht sie gegen berüchtigte IUU-Sünder vor. Allerdings scheiterte die exemplarische Strafverfolgung der Fischereimafia Vidal Armadores: Der oberste Gerichtshof befand im Dezember 2016, dass die spanische Justiz für Delikte in internationalen Gewässern nicht zuständig sei.8

Zurück nach Somalia und zur „Greko 1“. Said Jama Mohamed hat endlich die lang ersehnte Chance: Aus Kenia kommt die Meldung, dass die „Greko 1“ auf den Hafen von Mombasa zuläuft. Binnen weniger Stunden fliegt er gemeinsam mit seinem Team hin.

In Mombasa wird die „Greko 1“ von Offizieren der kenianischen Polizei, der Küstenwache und der Hafenbehörde sowie von somalischen Beamten und einigen Leuten von der FISH-i Task Force erwartet. Der Empfang durch so viele Uniformierte muss bei dem indischen Kapitän und seiner vorwiegend indonesischen Mannschaft höchste Besorgnis auslösen. Da sie bei ihrer überstürzten Abfahrt aus Mogadischu sowohl ihre Papiere als auch ihren Anker zurückgelassen haben, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in Mombasa am Kai festzumachen.

Die Inspekteure stellten schnell fest, dass die Laderäume randvoll mit Fisch waren. Die somalische Hochseebehörde erhob Anklage wegen Fischens ohne Lizenz, wegen Fischens innerhalb der 24 Seemeilen breiten Küstenzone, die somalischen Fischern vorbehalten ist, und wegen des Besitzes gefälschter Dokumente und Lizenzen. Das Ganze endete dann mit einem außergerichtlichen Vergleich und der Zahlung von 65 000 Dollar – nicht viel, wenn man bedenkt, dass der Fang an Bord 300 000 Dollar wert war.

Der Besitzer der „Greko 1“, Stavros Manda­lios, weist den Vorwurf des illegalen Fischens zurück: „Wir erkennen die Anklage nicht an, hatten aber keine andere Wahl als zu zahlen. Das Schiff musste umgehend freikommen, und wir wollten ein längeres Gerichtsverfahren in Kenia vermeiden.“ Inzwischen hat der mittelamerikanische Staat Belize, unter dessen Flagge die „Greko 1“ fuhr, den Trawler aus seinem Schiffsregister gestrichen. Jetzt ist sie staatenlos – bis Mandalios eine andere Billigflagge findet.

Damit, dass europäische Schiffe ungestraft gegen die Fischereigesetze anderer Länder verstoßen, könnte es bald vorbei sein. Die EU hat im Dezember 2017 eine neue Verordnung verabschiedet, wonach die Union die tausenden Trawler, die außerhalb ihrer Gewässer operieren, strenger beaufsichtigen muss und ihnen die Lizenz entziehen kann.9 Nach dieser Verordnung, die noch 2018 in Kraft tritt, bekommt jedes Schiff eine Identifikationsnummer, die in die nationalen Schiffsregister eingetragen wird. Die EU-Länder können dann Schiffe, die wegen IUU-Vergehen bestraft wurden, während sie unter einer anderen Flagge fuhren, bei ihrer Rückkehr aus dem Verkehr ziehen. Die neuen Vorschriften könnten den afrikanischen Küstenstaaten tatsächlich helfen – und für einige schwarze Schafe in der Fischereibranche das endgültige Aus bedeuten.

Inzwischen macht auch China Anstalten, seine Flotte stärker zu kontrollieren. Im Februar 2018 kündigte das Landwirtschaftsministerium an, man werde dutzende IUU-Vergehen chinesischer Trawler untersuchen, einschließlich die von Greenpeace in Westafrika aufgedeckten Fälle. Auch wolle man Unternehmen in chinesischem Besitz, die illegale Fischerei betreiben, härter bestrafen.

Manchmal können auf frischer Tat ertappte Schiffseigner, wie das Beispiel Mandalios zeigt, jedoch außergerichtliche Vereinbarungen aushandeln. Schließlich landen die meisten Fälle gar nicht erst vor Gericht, weil nicht nur die Eigentümer, sondern auch die diplomatischen Vertretungen ihrer Länder ein Interesse daran haben, dass am Ende kein Verstoß in den Akten steht.

Niemand weiß, wie viele weitere „Grekos“ oder „Gotlands“ in den Weiten der Meere vor Afrikas Küsten unentdeckt bleiben. Immerhin haben einige Küstenstaaten ihre Überwachungssysteme ausgebaut. Und Netzwerke wie FISH-i Africa oder die westafrikanische Sub-Regional Fisheries Commission (SRFC) haben ihren Informationsaustausch und ihre Ermittlungsmethoden verbessert, sodass illegal gefangener Fisch nicht mehr so leicht abgesetzt werden kann. Allerdings haben es die ausländischen Trawler in manchen Ländern – trotz des Widerstands der einheimischen Fischer – auch ziemlich leicht. So begünstigt das neue Fischereigesetz in Senegal zwar die kleinen Fischer, aber es enthält auch eine Klausel, die das industrielle Fischen schützt.

Solange die globale Nachfrage nach Fisch weiter steigt und die Länder mit dem höchsten Verbrauch den industriellen Fischfang subventionieren, wird sich an dem Grundproblem nichts ändern. Der Fischkonsum in Europa und Asien hat sich auf durchschnittlich 22 Kilo pro Kopf und Jahr erhöht. In einigen Subsahara-Ländern hingegen sinkt er schon seit mehreren Jahren – dort essen die Menschen im Durchschnitt weniger als 10 Kilo Fisch im Jahr.10 Das hat für die Versorgung der Bevölkerung mit Proteinen weitreichende Folgen. Laut Welternährungsorganisation sind drei von vier Meerestierarten durch Überfischen bedroht oder bereits überfischt oder ausgestorben. Kein Wunder, dass die Konkurrenz um die verbliebenen Bestände so unerbittlich ausgetragen wird.

1 Siehe „Bilateral agreements with countries outside the EU“, Europäische Kommission, Brüssel, ec.europa.eu/fisheries/cfp/international/agreements_en.

2 Die Studie „Assessing the Effectiveness of Monitoring Control and Surveillance of Illegal Fishing: The Case of West Africa“ erschien im März 2017 in der Zeitschrift Frontier in Maritime Sciences (www.frontiersin.org/articles/10.3389/fmars.2017.00050/full).

3 Die AWZ (Englisch: Exklusive Economic Zone, EEZ) ist das offene Meer jenseits des in der Regel 12 Seemeilen breiten Küstenmeeres. In der AWZ, die maximal 200 Seemeilen (370,4 Kilometer) breit sein kann (ab Küstenlinie), kann der Küstenstaat gewisse souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse wahrnehmen, dazu gehört vor allem das Recht auf ökonomische Ausbeutung einschließlich des Fischfangs.

4 Siehe Gertjan de Graaf und Luca Garibaldi, „The Value of African Fisheries“, FAO Fisheries and Aquaculture Circular, Nr. 1093.

5 Siehe den IUCN-Bericht „Overfishing threatens food security off Africa’s western and central coast as many fish species in the region face extinction“, 19. Januar 2017, www.iucn.org.

6 „Ten million tonnes of fish wasted every year despite declining fish stocks“, Sea Around Us, 26. Juni 2017, www.seaaroundus.org.

7 „Handbook on the practical application of Council Regulation (EC) establishing a Community system to prevent, deter and eliminate illegal, unreported and unregulated fishing“, Europäische Kommission, Oktober 2009, ec.europa.eu.

8 Im Grunde wird damit die AWZ jedes Staats zum rechtsfreien Raum erklärt. Siehe den Bericht in FISH-i Africa vom 26. Februar 2017 ­(fish-i-africa.org/lack-of-jurisdiction-in-criminal-proceedings-regarding-iuu-fishing-and-related-crimes/).

9 Siehe eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=CELEX:32017R2403&from=EN.

10 Siehe „The State of World Fisheries and Aquaculture 2016“ sowie „Fish to 2030: Prospects for fisheries and agriculture“, beide unter: www.fao.org.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Kyle G. Brown ist Journalist. Diese Reportage entstand mit Unterstützung des unabhängigen Journalismfund.eu.

Le Monde diplomatique vom 09.05.2018, Kyle G. Brown

https://monde-diplomatique.de/artikel/!5497863

Der in Europa noch domierenden selbstgefälligen Sicht auf den Kolonialismus mit Versionen aus afrikanischer und asiatischer Sicht begegnen! Europa betreibt seine Geschichtspolitik: Der ghanaische Historiker Kofi Baku fordert zum Widerstand dagegen auf: „Was früher als koloniale ökonomische Unterwerfung galt, wurde nur neu verpackt und mit dem Label Auslandsinvestition versehen.“

„Die imperiale Selbstgefälligkeit Europas“

Kollektives Erinnern ist durch den Westen dominiert, kritisiert der ghanaische Historiker Kofi Baku – und fordert: Dem müssen afrikanische und asiatische Historiker ihre Version der Geschichte entgegensetzen

Kofi Baku forscht an der University of Ghana in Accra zum Thema Geschichtsschreibung aus postkolonialer Perspektive. Dabei geht es darum, in der Geschichte der kolonialen Unterwerfung vieler afrikanischer und asiatischer Länder durch europäische Mächte offenzulegen, in welchen Lebensbereichen dort auch heute noch alte Herrschaftsstrukturen fortbestehen – wie etwa in der Erinnerungskultur. Dagegen, so seine Überzeugung, muss ein intellektueller Widerstand organisiert werden. 

fluter.de: Was verstehen Sie unter intellektuellem Widerstand gegen Kolonialismus? 

Kofi Baku: Darunter verstehe ich, dass man sich mit intellektuellen, juristischen, verfassungsmäßigen, sozialen und wirtschaftlichen Argumenten dem Kolonialismus widersetzt. Man findet diesen Widerstand in allen möglichen Zusammenhängen: in Schriften, in Zeitungsartikeln, in Journalen, in Flugblättern, in Vorlesungen.

Was bedeutet es für Sie, im historischen Gedenken Widerstand gegen Kolonialismus zu leisten? 

Kollektives Erinnern wird ja in vielen Formen zementiert, typischerweise in Kunstwerken, in intellektuellen Diskursen und akademischen Publikationen, aber auch physisch manifestiert in Museen und historischen Stätten. Und oft wohnt dem noch die Perspektive der alten Kolonialisten inne. Manchmal läuft dieses historische Gedenken subtil ab, dadurch aber nicht weniger wirkungsvoll, – etwa in Form von Gesetzen und sozialen Vereinbarungen. Wer sich nun diesen kolonialen Übergriffen widersetzt, wählt selbst die Aspekte der Vergangenheit aus, mit denen er oder sie argumentieren möchte. Die durch Kolonialismus geschädigte Person entscheidet, dass dies die Aspekte der Geschichte sind, die gegen koloniale Übergriffe in Stellung zu bringen sind.

Das klingt ein wenig nach Rosinenpicken. Warum soll das hilfreich sein, wenn es darum geht, zu einer umfassenderen Sichtweise des Kolonialismus in der Geschichtsschreibung zu kommen? 

Das Argument des Rosinenpickens greift da nicht. Geschichtsschreibung ist immer selektiv. Wie in jeder akademischen Disziplin beginnt auch der Historiker seine Forschung mit einer bestimmten Hypothese und sucht dann Aspekte, die sie untermauern. In der postmodernen Theorie geht man ja davon aus, dass es eine objektive Realität gar nicht gibt. Alles, worüber wir schreiben, wie wir die Welt wahrnehmen und sie interpretieren, ist geprägt durch unsere Erziehung, unsere kulturellen Normen, unsere Eigenheiten und Präferenzen. Insofern ist der Historiker der Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Den Teil der Geschichte, an den wir uns erinnern wollen, betrachten wir dann als unsere Geschichte.

 „Was früher als koloniale ökonomische Unterwerfung galt, wurde nur neu verpackt und mit dem Label Auslandsinvestition versehen“

Auch so eine Geschichte: Mit der Ausbreitung von westlichen Fastfood-Ketten in Ghana sind die Fälle von Fettleibigkeit und Diabetes dramatisch angestiegen (Foto: Ashley Gilbertson / VII / Redux / laif)

Wie geht denn Ghana mit seiner kolonialen Vergangenheit um? 

Wir leben hier immer noch mit einigen inakzeptablen Erscheinungsformen des Kolonialismus. Dass unserer lokalen Kultur in großem Umfang europäische Ideale aufgezwungen wurden, etwa in Form des englischen Common Law, ist immer noch hochaktuell und umstritten. Die Kolonialisten mögen gegangen sein, doch ihr Erbe ist noch nicht verschwunden. Auch die Argumente gegen die wirtschaftliche Vorherrschaft durch Ausländer gelten weiter: Was früher als koloniale ökonomische Unterwerfung galt, wurde nur neu verpackt und mit dem Label Auslandsinvestition versehen.

Werden die gebraucht, um die Wirtschaft eines Landes wie Ghana zu entwickeln? 

Glauben wir denn wirklich, dass wir nur dann erfolgreich sein können, wenn diejenigen, die uns einst kolonialisiert haben, nun als Partner wiederkommen und in unser Land investieren? Die vollständige Übernahme westlicher Systeme führt dazu, dass die ghanaische Identität – unsere Kultur, unsere Werte, unsere Religion – weiter erodiert. Alles ist davon betroffen: von den ganz alltäglichen Dingen über unsere Normen, unsere sozialen, legalen und ökonomischen Institutionen bis hin zu unserem Konzept von Realität und auch unseren Fähigkeiten. Da ist intellektueller Widerstand immer noch dringend nötig.

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Kofi Baku ist Historiker an der University of Ghana in Accra (Foto: privat)

Es gibt diesen Widerstand in ehemals kolonialisierten Ländern vielerorts ja schon. Warum haben westliche Wissenschaftler so lange keine Notiz davon genommen?

Gleichgültigkeit ist das Herz des Kolonialismus. Es liegt in der Natur der kolonialen Unterwerfung, sich für die Ideen und Anliegen der Unterworfenen nicht zu interessieren. Eroberer fühlen sich grundsätzlich immer überlegen, haben aber nicht die Absicht, sich um die Belange der Eroberten zu kümmern. Sie denken, dass sie ein Mandat haben, diese Menschen, die sie für minderwertig halten, zu zivilisieren.

Wie hätte sich das ausgewirkt, hätten westliche Historiker frühzeitiger versucht, den Kolonialismus mit den Augen der kolonialisierten Menschen zu betrachten?

Die imperiale Selbstgefälligkeit Europas hat westliche Wissenschaftler lange davon abgehalten, sich mit den intellektuellen Angeboten zu befassen, die es in den früheren Kolonien gibt. Hätten sie den Kolonialismus je mit den Augen der Menschen gesehen, die ihn selbst erfahren haben, wäre er zu Ende gewesen, bevor er überhaupt richtig losging. Das hätte den ganzen Zweck der Unterwerfung zunichtegemacht. Das Nichtbeachten des Widerstands der Unterworfenen ist ein zentraler Wesenszug des Kolonialismus. Allerdings: Weil die kolonialisierten Völker viele westliche Praktiken übernommen haben, durften die Kolonialisten irrtümlich annehmen, die Völker seien mit ihrer Unterwerfung einverstanden.

Wie kann verhindert werden, dass diese hegemoniale Perspektive auch in Zukunft noch die Erinnerungskultur prägt?

Wenn wir wollen, dass unsere Version der Geschichte wahrgenommen wird, müssen wir beginnen, sie systematisch zu erfassen. Nur so wird sie von Dauer sein. Es gibt ein chinesisches Sprichwort: „Die blasseste Tinte ist klarer als die klarste Erinnerung.“ Wenn wir die Dinge nicht aufschreiben, werden sie verschwinden. Aber im Moment tun wir noch nicht genug dafür, um die Geschichte aus unserem Blickwinkel zu erzählen. Deshalb müssen wir unserer Geschichtswissenschaft mehr Ressourcen zur Verfügung stellen, damit sie zum Beispiel die mündlich überlieferte Geschichte bisher unterdrückter Menschen erfassen kann.

 

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https://www.fluter.de/interview-zur-postkolonialen-geschichtsschreibung

 

Goldrausch in Ghana: Die Suche nach dem glänzenden Edelmetall treibt Goldgräber, Glücksritter und große internationale Minenkonzerne immer tiefer in den…Die Ahafo-Mine ist mit Geldern der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) finanziert, die dem US-Konzern Newmont einen Kredit über 125 Millionen Dollar für dieses Megaprojekt gegeben hat. 9500 Menschen verloren ihr Land, 5000 wurden von Newmont umgesiedelt

Goldrausch in Ghana auf der Spur der Gier

Die Suche nach dem glänzenden Edelmetall treibt Goldgräber, Glücksritter und große internationale Minenkonzerne immer tiefer in den westafrikanischen Dschungel.

Von Thomas Seifert und Brigitte Reisenberger

Aroa und Kwakuopaku hat das Goldfieber gepackt. Mit Spitzhacke und Schaufel mühen sich die beiden ab und holen goldhaltiges Gestein aus der Erde. In der Mine Noyem in der Ostregion Ghanas wird Gold abgebaut wie zu biblischen Zeiten. Die Mine sieht unspektakulär aus: eher wie ein Schlammloch, der Farbkontrast changiert zwischen Ocker – Erde, Goldsucher, Arbeitsgerät – und dem satten Grün des Dschungels.

Ein Team holt das Erz aus dem Boden, das Gestein wird fein gemahlen, Trägerinnen bringen den Schlamm zu den Goldwäschern. Dort lässt Kwesi die Brühe über ein Tuch laufen, in dem die Goldpartikel hängen bleiben. Er gibt Wasser aus dem Kübel in einen Teller, den er in kreisende Bewegung versetzt. Da ist er: feinster Goldstaub. Kwesi ist ein Sonntagskind und hat ein fröhliches Gemüt. Er grinst und fragt: „Na, schon einmal so schönes Gold gesehen?“

Aroa, Kwakuopaku und Kwesi sind Kleinschürfer, hier in Ghana nennt man sie ¿Galamsey¿ (vom englischen „gather and sell“). 400.000 bis 500.000 Menschen in Ghana verdienen ihren Lebensunterhalt als Kleinschürfer, etwa 85 Prozent davon illegal. Die in Wien ansässige Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (Unido) schätzt, dass sich weltweit bis zu 15 Millionen Menschen als Kleinbergleute verdingen, 25 Prozent des Goldes weltweit werden von Leuten wie Aroa, Kwakuopaku oder Kwesi gefördert.

Die Frauen in Noyem bekommen umgerechnet 18 US-Dollar Lohn pro Woche, die Männer etwas mehr. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass immer wieder Stollen einstürzen und am Ende des Verarbeitungsprozesses das Gold mit giftigem Quecksilber vom Gestein gelöst wird. Unido-Experten schätzen, dass pro gewonnenem Gramm Gold zwei bis fünf Gramm Quecksilber in die Umwelt gelangen. Das Schwermetall schädigt Leber, Nieren und das Zentralnervensystem.

Zwei Olympia-Becken Gold.

Die Gier nach Gold trieb Abenteurer an, lockte Entdecker und Glücksritter. Conquistadores träumten vom Goldland Eldorado, Gold führte Mitte des 19. Jahrhunderts Glücksritter nach Kalifornien und an den Colorado River, wo der Mythos des Wilden Westens begründet wurde. Gold bildete längst das Fundament der Weltwirtschaft, bis 1971 waren die meisten Währungen durch den Goldstandard durch das glänzende Edelmetall abgesichert.

Bis zum heutigen Tag wurden weltweit rund 161.000 Tonnen Gold gefördert: Damit könnte man kaum zwei Olympia-Schwimmbecken füllen; wenn man alles Gold der Welt zu einem riesigen Würfel schmelzen würde, dann hätte dieser 20,2 Meter Kantenlänge. In Zeiten der Krise hat Gold Konjunktur: Der Preis je Feinunze (31,1 g) liegt derzeit um die 715 Euro, Ende Februar war ein Rekordwert von 778 Euro erreicht.

Eine Tonne Gestein für drei Gramm Gold

Drei Gramm. So viel – besser so wenig – Gold ist in einer Tonne Gestein der Bogoso-Prestea-Mine. Hier schürft nicht eine Handvoll Goldsucher, sondern der internationale Bergbaukonzern Golden Star. Die riesige Grube hat 800 Meter Durchmesser, ist 200 Meter tief, 40.000 Tonnen Erz werden jeden Tag von hier in schweren, überdimensionierten Caterpillar-Muldenkippern in die nahe gelegene Aufbereitungsanlage transportiert. In nur vier Tagen fällt eine Abfallmenge an, die dem gesamten Weltgoldbestand entspricht. Aus der riesigen Grube, vor der der Bergbauingenieur und Minenmanager Nigel Tamlyn steht, können so gerade 13 Kilo Gold täglich gewonnen werden. Der Riesenaufwand lohnt sich: Auf den Goldmärkten erzielen die 13 Kilo einen Preis von rund 300.000 Euro. Um etwa genügend Gold für einen Ehering zu schürfen, müssen annähernd zehn Tonnen Gestein verarbeitet werden. ¿Gold ist hoch konzentrierter Wert. Das Edelmetall hat ¿ anders als Platin ¿ wenige Verwendungsmöglichkeiten, aber Frauen schätzen das glänzende Metall.¿

Ob er selbst ein goldenes Händchen hat? Er zeigt seine Hände ¿ kein Goldring ziert den Ringfinger. „Glücklicherweise schätzen die Menschen Gold als soliden Wertträger. Sonst hätte ich hier nichts zu tun“, sagt Tamlyn.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Im kleinen Ort Teberebie, einem Ort nahe der Iduapriem-Mine des Bergbaukonzerns AngloGold-Ashanti rund 450 Kilometer von Accra entfernt, hat Cecilia Otoo „Irish Bar“ an die azurblaue Mauer ihrer Hütte gepinselt. In dieses Dorf wurden jene umgesiedelt, deren Land für Errichtung und Betrieb der Mine gebraucht wurde. Dass die Vierzigjährige einmal von den Einkünften einer Bar würde leben müssen, „wer hätte das gedacht“? Früher, da hatte sie eine kleine Landwirtschaft, nicht weit von hier.

Doch ihr Land liegt heute unter Tonnen von Abraum begraben, dort, wo sie einst Cassava angebaut hat, gräbt heute der Minenkonzern AngloGold-Ashanti nach Gold. „Früher musste ich keine Lebensmittel einkaufen; alles, was wir zum Leben brauchten, haben wir selbst angebaut.“ Und heute? Sie zeigt stumm auf die nur ein paar hundert Meter entfernten – mindestens 50 Meter hohen – Abraumhalden der Goldmine. „Das Gold“, meint Frau Otoo, „nützt uns gar nichts. Den Minenkonzernen vielleicht, aber uns?“

Aus Adisakrom – nicht weit von Teberebie – wollen die meisten Einwohner weg: Der Chief beklagt, dass AngloGold-Ashanti Abwässer in den Fluss Angonaben – bis zum Bau der Mine die Lebensader des Dorfs – leiten würde. „Der Fluss war stets eine wichtige Wasserquelle für unser Dorf, aber jetzt ist das Wasser nicht mehr zu gebrauchen“, sagt er.

Die Tochter des Chief, sie trägt ein oranges Kleid mit traditionellen afrikanischen Ornamenten, um den Hals schlingt sich ein zartes Goldkettchen, mischt sich ein. Wenn man das Wasser vom Brunnen, den AngloGold gebaut hat, abkochte, dann würde sich auf der Oberfläche ein dünner Film bilden, der mit freiem Auge sichtbar sei: „Seltsam, nicht?“

Wie eine UFO-Landung.

„Für die Bauern in Ahafo war unsere Goldmine wie ein Raumschiff, das in ihrem Vorgarten gelandet ist“, meinte Chris Anderson, Chefmanager von Newmont Ghana Gold Limited, bei einem Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ in Accra. Wo vorher nur Dschungel und Felder waren, klaffen nun die riesigen Gruben der größten Goldmine Ghanas. Im gesamten Umkreis der Mine leben 190.000 Menschen, über 95 Prozent davon sind Subsistenzbauern und -bäuerinnen.

Die Ahafo-Mine ist mit Geldern der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) finanziert, die dem US-Konzern Newmont einen Kredit über 125 Millionen Dollar für dieses Megaprojekt gegeben hat. 9500 Menschen verloren ihr Land, 5000 wurden von Newmont umgesiedelt, darunter auch ein großer Teil der Bevölkerung von Ntotroso. Die Bewohner leben in einem Umsiedlungsdorf, das an eine Reihenhaussiedlung erinnert. Auf den Stufen vor dem Haus mit der Nummer NT0073 sitzen einige junge Frauen mit ihren Kindern.

Es donnert laut, alle vor dem Haus schrecken auf. „Jetzt sprengt Newmont schon wieder!“ Abigail Kmwa lehnt an einem Stützpfosten des Vordachs. In der Ferne sieht man die Abraumhalden der Mine, weiter hinten steigt eine Staubwolke auf. Abigail kommt gerade aus der Kirche, sie trägt ein langes gelb gemustertes Kleid, ihr Gebetsbuch hält sie noch unterm Arm. „Unser Leben hier ist miserabel“, sagt sie. Das Ackerland ihrer Familie war dort, wo jetzt die Produktionsstätte ist, sie lebt nun in der neuen Siedlung. Ihre Botschaft an Menschen, die Gold kaufen: „Sie sollten sich klar darüber sein, dass das Gold von unserem Farmland stammt – zusammen mit unserem Blut und Schweiß.“

Die Bilanz des Goldbooms.

Fährt man von Ntotroso weiter ins Minengelände, dann gelangt man an den Subri-Damm. Hier wurde der Fluss aufgestaut, die Goldproduktion verschlingt viel Wasser. Links der Fluss, eingerahmt vom Regenwald, rechts ein Schlackebecken, wo einst das Flussbett war. Ein plakatives Vorher-nachher-Bild, wie aus einer Greenpeace-Broschüre.

Ist der Preis für den Goldrausch zu hoch? Sind die drei Prozent Förderlizenzgebühren, die die Minengesellschaften an den Staat bezahlen, genug? Benjamin Aryee ist der für den Minensektor zuständige Spitzenbeamte, er ist eloquent und spricht gepflegtes Oxford-Englisch. Seine Antwort: „Ich wünschte, alle Gewinne, die der Bergbau erwirtschaftet, würden in Ghana bleiben. Aber die Realität sieht anders aus.“

Der Bergbau trägt 40 Prozent zu den Exporterlösen und sechs Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Eine Kosten-Nutzen-Analyse will Aryee dennoch nicht abgeben. Nur so viel: „Ghana wäre heute nicht dort, wo es jetzt ist.“

Die Entwicklung sei in Kaskaden verlaufen, so Aryee. Kakaoplantagen haben den Grundstein für die Entwicklung gelegt, dann kam der Goldbergbau, und nun hat man vor der Küste Öl gefunden. Dem Nachbarn Côte d’Ivoire und dem nahe gelegenen Nigeria haben Kakaoexport und Ölreichtum nicht nur Gutes gebracht, aber Ghana ist vom Fluch der Ressourcen verschont geblieben. Der Machtwechsel von Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo zu John Evans Atta Mills Ende Dezember ging ruhig über die Bühne, das Land gilt als vergleichsweise gut verwaltet.

Eine funktionierende Bürgergesellschaft greift die Themen auf: Der Vorsitzende der minenkritischen Organisation WACAM, Daniel Owusu-Koranteng, meint, die Bevölkerung würde den Preis für den GoldBoom bezahlen, die internationalen Minenkonzerne seien die wahren Profiteure. Es werde zu wenig über Wasserverschmutzung, Vertreibung von Menschen und die riesigen Abraumhalden, die wertvolles Land zerstören, gesprochen.

Aber es geht Owusu-Koranteng nicht darum, jemanden dazu zu bringen, auf Gold zu verzichten. „Aber ich möchte die Menschen daran erinnern, dass Gold ein Zeichen der Liebe und der Reinheit ist. Wenn das Gold dafür verantwortlich ist, dass tausende ihre Lebensgrundlage verlieren, wenn ihr Trinkwasser verseucht wird, dann verliert Gold seinen Symbolwert.“

(„Die Presse am Sonntag“, Print-Ausgabe, 15.03.2009, Fotos: Thomas Seifert

In Ghana leben zehn Prozent der Bevölkerung vom Fischfang. Ghanas Küsten zählten einst zu den fischreichsten Gewässern der Welt. Dann aber zwang die Weltbank das Land zur Abwrackung und Privatisierung der staatlichen Flotte. Damit waren die heimischen Gewässer den Fremden preisgegeben.

Ghanas Küsten zählten einst zu den fischreichsten Gewässern der Welt: Barrakudas, Heringe, Makrelen, Haie, Thunfische, Tintenfische und Barsche schwammen hier, außerdem gab es Hummer, Langusten, Krabben, Muscheln und Schildkröten. Ghana war neben dem Senegal die bedeutendste Fischfangnation Westafrikas mit einer mehr als 500 Jahre alten Tradition. Bis heute ist Fisch eine der wichtigsten tierischen Proteinquellen der Bevölkerung, drei Viertel des heimischen Fangs werden lokal konsumiert. 300 Anlegestellen hat das Fishery Committee for the Gulf of Guinea an der 550 Kilometer langen ghanaischen Küste gezählt. Darunter sind die beiden Tiefseehäfen in Tema und Takoradi aber auch Dörfer wie Kokrobite. Etwa zwei Millionen Ghanaer leben von der Fischerei – zehn Prozent der Bevölkerung. 125 000 von ihnen sind Meeresfischer wie Joshua Akaa. Die anderen arbeiten als Verkäufer, Zwischenhändler oder Bootsbauer. Doch sie alle bangen um ihre Existenz. Sind Ghanas Fischgründe erschöpft?

Als Joshuas Männer ihr Netz einholen, sind zerfetzte Quallen das Erste, was darin hängt. Es folgen Plastiktüten, Plastikflaschen, Kunststoffsandalen. Dann, nach einer Weile zappeln die ersten Fische an Deck: drei Rote Schnapper.

Die Katastrophe begann, als Joshua Akaa noch ein Kind war. 1977 beschlossen die Vereinten Nationen, die Hoheitsgewässer von Meeresanrainern auf 200 Seemeilen auszuweiten. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass die Zone zwischen der zwölften und der 200. Seemeile zur wirtschaftlichen Nutzung ausgeschrieben werden müsse, wenn ein Land diese nicht selbst gewährleisten könne, was vor allem Industrienationen mit leistungsstarken Fahrzeugen begünstigte. Erst vor wenigen Monaten hat so die Elfenbeinküste der EU in einem „Fischereipartnerschaftsabkommen“ bis 2018 das Recht abgetreten, pro Jahr 6500 Tonnen Thunfisch und andere Wanderfische zu jagen. Dafür erhält das Land 680 000 Euro pro Jahr.

Andere Länder erhalten deutlich mehr. Etwa Mauretanien, das allein dieses Jahr 70 Millionen Euro kassieren wird. Die Lizenzgebühren werden künftig von den Reedern der Fangschiffe, etwa der Doggerbank Seefischerei GmbH, eingefordert, an dem Geschäft beteiligt ist allerdings auch der europäische Steuerzahler. Dass die Gelder oft in die Taschen korrupter Beamter fließen, statt zur Förderung einer „verantwortungsvollen Fischereipolitik“ in Afrika verwendet zu werden, wie es in den Verträgen heißt, ist kein Geheimnis.

In Brüssel betont man dennoch das Positive der Abkommen: Die EU-Flotte sei ausgelastet und Arbeitsplätze seien gesichert. Außerdem würden die überfischten europäischen Fanggründe entlastet.

Ghana weigerte sich von Anfang an, Fischereiabkommen zu schließen. Das Land war selbst in der Lage seine Küsten abzufischen, weil es 140 Trawler aus sowjetischer Fabrikation besaß. Dann aber zwang die Weltbank das Land zur Abwrackung und Privatisierung der staatlichen Flotte, die überwiegend von Koreanern und Chinesen aufgekauft wurde. Damit waren die heimischen Gewässer den Fremden preisgegeben. Die britische Beraterfirma Marine Resources Assessment Group schätzt, dass Ghana jeden Tag illegal um Fische im Wert von 100 000 US-Dollar gebracht wird. Vor der Küste kreuzen Trawler aus Honduras, Liberia oder Panama neben solchen von russischen, chinesischen und europäischen Reedern.


 

mehr:

https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/fischerei-in-ghana-leben-zehn-prozent-der-bevoelkerung-vom-fischfang/9488550-5.html

Alltagsleben in (West-)Afrika. Ghana erleben – ein afrikanisches Land mit relativer Stabilität und demokratischer Kultur

Wulf-Dieter Schmidt-Wulffen: Alltagsleben in (West-)Afrika. Ghana erleben

Cover Wulf-Dieter Schmidt-Wulffen: Alltagsleben in (West-)Afrika. Ghana erleben – Unterrichtsmaterialien zum interkulturellen und globalen Lernen. Institut für Geographie und Regionalforschung (Wien) 2007. 195 Seiten. ISBN 978-3-900830-61-8. 25,00 EUR.

Reihe: Materialien zur Didaktik der Geographie und Wirtschaftskunde – Band 20. Plus CD-ROM. ystemvoraussetzungen der CD-ROM-Beil.: Multimedia-PC; CD-ROM-Laufwerk; Soundkarte, AUflösung 1024 x 768 Pixel Windows 2000/XP oder Mac OS X; Adobe Acrobat Reader ab 5, Windows Media Player ab 7, Flash Plugin ab 6, Internet Explorer ab 5 oder Mozilla Firefox ab 1 oder Netscape ab 6. Preis für Studierende: 20 Euro.
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Ghana als hoffnungsvoller Fall?

Der Geografie-Didaktiker der Universität Hannover, Wulf Schmidt-Wulffen, ist bekannt dadurch, dass er genau hinschaut, zweimal…, sich auch zu Fuß, mit dem Fahrrad und einem geländegängigen Fahrzeug auf den Weg macht, um nachzuschauen – wie die Menschen anderswo leben! Und der dann, vielfach anders als andere Didaktiker und Methodiker der Geografie, sich auf die Seite der Schülerinnen und Schüler begibt und so seine Unterrichtsmaterialien und Lernkonzepte entwickelt. Während seiner Lehrtätigkeit an der Universität Hannover hat er mehrere Exkursionen mit Studierenden nach Afrika unternommen, wohl vorbereitet, aufwändig durchgeführt und im Gepäck die Erfahrungen, Fragen, Verständnisse und Missverständnisse mit gebracht und als Lernvorschläge vorgelegt.

„Ehe man sich versieht, ist Wissen bereits mit Alltag, mit Lebensnähe, mit Empathie und Politischer Bildung verbunden“, so charakterisieren die Herausgeber der Materialienreihe das neue Schmidt-Wulffensche Buch. Sein unverkennbares Merkmal: Er kennt die Schule und er kennt sich darin aus! Das zeigen auch die weiteren Bände, die Schmidt-Wulffen in der Reihe vorgelegt hat:

  • Band 6: Wüste, Savanne und Regenwald als Lebensräume. Unterrichtsmaterialien für einen arbeitsteiligen Gruppenunterricht in der 6. bis 8. Schulstufe (1997)
  • Band 10: Wer allein isst, stirbt auch allein. Afrikanische Entwicklungsbeispiele zwischen Marktzwängen und Solidarität. Eine unterrichtspraktische Erschließung von drei Entwicklungsbeispielen aus Ägypten, Burkina Faso und Ghana für Sekundarstufe II (2003)
  • Band 14: Leben in Afrika – (k)ein Kinderspiel? Lebensverhältnisse und Visionen afrikanischer Jugendlicher. Ein Arrangement für einen interkulturellen Projektunterricht in der 5. bis 8. Schulstufe (2005).

Inhalt

„Ghana erleben“, das ist nicht einfach nur so hingesagt; vielmehr legt Schmidt-Wulffen in seinem neuen Buch zuerst einmal offen, warum er gerade das westafrikanische Land Ghana als exemplarisches Beispiel für Alltagssituationen von Menschen ausgewählt hat: Nicht zuletzt deshalb, weil Ghana nicht zu den „hoffnungslosen Fällen“ der afrikanischen Länder zählt und weil das Land immerhin „nach dem international anerkannten ‚Freedom House Index‘ zu den lediglich neun afrikanischen Staaten zählt, in denen es verbürgte bürgerliche und politische Freiheitsrechte gibt“. Den aus Ghana stammenden Fußballspieler Gerald Asamoah kennen viele; den ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, den Ghanaer Kofi Annan auch. Gibt es vielleicht auch in der Nähe der Schülerinnen und Schüler Menschen, die aus Ghana kommen und jetzt in der Nachbarschaft leben? Das sind Fragen, die einen Zugang zum Thema ermöglichen sollen.

Im Hauptteil des Buches aber geht es tatsächlich um das Alltagsleben der Menschen in Ghana; immer impliziert dabei die Möglichkeit zum Vergleich mit dem eigenen Leben hier in Deutschland. Es sind Themen, die auch uns betreffen, recherchiert von Schmidt-Wulffen und von StudentInnen auf zwei mehrwöchigen Exkursionen (2002, 2006), die inzwischen größtenteils im niedersächsischen Schuldienst angekommen sind:

  • Sport – Spiel – Freizeit bei uns und in Ghana
  • Probleme im Alltag – Arbeit und Einkommen
  • Meine Zukunft – zu Hause bleiben oder weggehen?
  • Meine Familie – meine Sicherheit?
  • Was ich einmal werden will
  • Schule und Ausbildung – Lernen wofür?
  • Das Fahrrad in Ghana – ein Luxus für die Armen?
  • Mein altes T-Shirt „verreist“ nach Ghana
  • Armut in Afrika – aus ghanaischer Sicht.

Zugrunde liegt dabei die Idee, dass die Wirklichkeiten, wie sie im Geografie-Unterricht abgebildet und dargestellt werden sollen, auf der Mikro- und Handlungsebene den Schülerinnen und Schülern verständlicher werden als durch eine Betrachtung aus der Makro-Ebene heraus. Die in den jeweiligen Lernthemen präsentierten Informationsmaterialien sind immer so aufbereitet, dass sie von den Lernenden mit den verschiedenen Methoden und auf unterschiedlichen Lernwegen bearbeitet werden können. Selbstlernen, entdeckendes Erkunden und phantasievolle Quellen- und Literatursuche bestimmen die alters- und schulstufenbezogenen Vorschläge.

Im dritten Teil des Lehr-Lernbuches gibt es zu den jeweiligen, themenbezogenen und -übergreifenden „Schlüssel“- Aspekten, wie etwa die Bedeutung der Ahnen und Alten in afrikanischen Gesellschaften, das Problem der Armut, von Bildungschancen, Schule, Nahrungsmittel wie etwa die Cassava und Jam, Recycling, geschlechtsdifferenzierte Arbeiten und Aufgaben, Frauenrolle, Bodenschätze, Wirtschaften und informeller Sektor, Markt, Industrialisierung und landwirtschaftlicher Anbau, Regenwaldabholzung, Religion und Glauben, Sprachen, Verschuldung, usw., differenzierte Informationsmaterialien.

Fazit

Die Unterrichtsvorschläge „Alltagsleben in (West-)Afrika“ von Wulf Schmidt-Wulffen mit der beigegebenen Multimedia CD-ROM ermöglichen interkulturelles und globales Lernen in allen Schulformen und -stufen von der Sekundarstufe I an, und zwar sowohl im Geografie-Unterricht, als auch bei fächerübergreifenden und projektorientierten Lernorganisationen. Sie faszinieren durch die Handhabbarkeit für SchülerInnen und LehrerInnen in gleichem Maße. Das exemplarische Beispiel „Ghana“ ist übertragbar; die spezifische didaktische Aufbereitung und Darstellung machen deutlich, dass hier Theoretiker, die auch Praktiker sind und Praktiker, die von Didaktik, Methodik und Theorie etwas verstehen, am Werke waren.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.12.2007 zu: Wulf-Dieter Schmidt-Wulffen: Alltagsleben in (West-)Afrika. Ghana erleben – Unterrichtsmaterialien zum interkulturellen und globalen Lernen. Institut für Geographie und Regionalforschung (Wien) 2007. ISBN 978-3-900830-61-8. Reihe: Materialien zur Didaktik der Geographie und Wirtschaftskunde – Band 20. Plus CD-ROM. ystemvoraussetzungen der CD-ROM-Beil.: Multimedia-PC; CD-ROM-Laufwerk; Soundkarte, AUflösung 1024 x 768 Pixel Windows 2000/XP oder Mac OS X; Adobe Acrobat Reader ab 5, Windows Media Player ab 7, Flash Plugin ab 6, Internet Explorer ab 5 oder Mozilla Firefox ab 1 oder Netscape ab 6. Preis für Studierende: 20 Euro. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5551.php, Datum des Zugriffs 02.10.2018.


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Die Verfassung Ghanas

Verfassung Ghanas

Politische Karte Ghanas

Die seit 1993 in Kraft befindliche Verfassung Ghanas[1] ist in 26 Abschnitte unterteilt und regelt die vierte Republik des Landes. Insgesamt umfasst die Verfassung 299 Paragraphen.

Literatur

  • Joshua Kwesi Aikins: Die Demokratie der Anderen – Gute Regierungsführung jenseits westlicher Projektionen. (Reflexionen über den Verfassungsreformprozess in Ghana). In: Manuel Aßner, Jessica Breidbach et al. (Hrsg.): AfrikaBilder im Wandel? Quellen, Kontinuitäten, Wirkungen und Brüche. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-631-61568-3

Weblinks

Einzelnachweise

 

Kennzahlen von Ghana: Fischer Weltalmanach. Abgerufen am 15. Mai 2018.

 

Die Verfassung Ghanas in Englisch:

http://www.ghanareview.com/parlia/Garticles.html

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