Friedenspreisträger, Aleida und Jan Assmann: Gehen wir mit den natürlichen Ressourcen so um, dass auch die nächsten Generationen noch Zukunft haben. Europa muss sich mit den Menschen solidarisieren, die durch Kriege, Not und Gewalt zur Flucht gezwungen sind. „Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen.“ Die zentrale Frage sei nicht, „ob wir die Integration schaffen oder nicht, sondern wie wir sie schaffen“. Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung zu retten ist, „sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden“. Identität entsteht nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen. Es braucht „ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt“.

Die Friedenspreisträger Aleida und Jan Assmann fordern globale Solidarität Europas ein
Über das kulturelle Gedächtnis von Gesellschaften haben die Wissenschafter Aleida und Jan Assmann geforscht – und dafür den Friedenspreis erhalten. In der Frankfurter Paulskirche nehmen sie eindeutig Stellung zur künftigen Aufgabe Europas.

(dpa) · Die Kulturwissenschafter Aleida und Jan Assmann haben am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. In ihrer Dankesrede forderten sie einen Grundkonsens in der Demokratie wie die Werte der Verfassung oder die Gewaltenteilung. «Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt», betonte das Ehepaar. Wer die Meinungsfreiheit untergraben wolle, habe keinen Respekt verdient. «In der Demokratie kann man das Denken nicht delegieren und den Experten, Performern oder Demagogen überlassen», stellten die Wissenschafter vor knapp tausend Gästen bei der feierlichen Verleihung fest. Pöbeleien wie vor einigen Wochen in Chemnitz legten die Demokratie lahm. Diese lebe nicht vom Streit, sondern vom Argument.

Die beiden Wissenschafter, die sich mit Forschungen zur Erinnerungskultur von Gesellschaften – vom alten Ägypten bis zur Gegenwart – einen Namen gemacht haben, sagten, die Nation sei «kein heiliger Gral», der vor Befleckung und Entweihung zu retten sei, «sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden». Identität entstehe nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen. Es brauche «ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt».

Die Wissenschafter betonten, dass es die Aufgabe eines kulturellen wie eines nationalen Gedächtnisses sei, «sich wiedererkennbar zu halten. Man könne aber heute nicht mehr nahtlos «an alte Phantasien von Stolz und Grösse der Nation» anknüpfen. Das Gedächtnis sei auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung.

Forderung einer globalen Solidarität

In ihrer Dankesrede forderten sie zudem von Europa eine globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen – «damit es eine Zukunft nachfolgender Generationen überhaupt noch geben kann».

Europa müsse sich auch mit den Menschen solidarisieren, die durch Kriege, Not und Gewalt zur Flucht gezwungen seien. «Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen», verlangten die Forscher weiter.

Die zentrale Frage sei nicht, «ob wir die Integration schaffen oder nicht, sondern wie wir sie schaffen». Die 71 und 80 Jahre alten Ehepartner wiesen darauf hin, dass Kulturen schon immer durchlässig gewesen seien.

Für ein «friedliches Zusammenleben»

Die Kulturwissenschafter hätten ein Werk geschaffen, «das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von grosser Bedeutung ist», begründete der Stiftungsrat die Auszeichnung für die beiden.

Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und wird seit 1950 traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse vergeben. Die Assmanns sind das zweite Ehepaar, das den renommierten Kulturpreis erhält. 1970 erhielten die beiden schwedischen Friedensforscher Alva und Gunnar Myrdal die Auszeichnung. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die kanadische Autorin Margaret Atwood.

Die Laudatio hielt der Literaturwissenschafter Hans Ulrich Gumbrecht, ein Freund der Assmanns. Bei dem Ehepaar sei die Leidenschaft füreinander nicht zu routinierter Partnerschaft oder Arbeitsteilung verkommen, hob er hervor. «Sie lieben sich, weil sie – auch in ihren intellektuellen Stärken und Gesten – so sehr verschieden sind, und dieses Ganz-anders-Sein ist für sie auch im Alter ein Feuer geblieben, das dem Denken zweifache Energie gibt.»

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-friedenspreistraeger-aleida-und-jan-assmann-fordern-globale-solidaritaet-europas-ein-ld.1428142

 

 

 

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