Der grausige Verdacht, dass saudische Regierungsagenten einen eigenen Staatsbürger vorsätzlich brutal ermordet haben, wird immer mehr erhärtet. Die Tat, so sich der Verdacht denn bewahrheitet, ist in ihrer Dreistigkeit für die Türkei als Staat, wohl aber auch für Erdogan persönlich eine unglaubliche Provokation (und sollte es für jeden Menschen auf der Welt sein). Dass sich die türkische Regierung in der Affäre über die Verletzung ihrer Souveränität empört, entbehrt bei aller grundsätzlichen Berechtigung aber nicht einer gewissen Ironie. In jüngerer Vergangenheit gab es mehrere Fälle geheimdienstlich orchestrierter Rückschaffungen von türkischen Staatsbürgern aus dem Ausland, in die das Gastland längst nicht immer eingeweiht war. Beide streben in der sunnitisch-islamischen Welt eine Vormachtstellung an. Die Affäre Khashoggi ist auch für Erdogan eine Gratwanderung. Sollte sich die saudische Regierung als Drahtzieherin eines Mordkomplotts auf türkischem Boden herausstellen, wird eine heftige Reaktion aus Ankara unvermeidlich sein. Die damit verbundenen politischen und ökonomischen Verwerfungen will man aber möglichst gering halten.

Der Fall Khashoggi ist für Erdogan eine Gratwanderung
Die Hinweise, die gegen Riad sprechen, werden immer erdrückender. Die türkische Regierung hält sich bis anhin aber mit direkten Anschuldigungen zurück. Dahinter steckt Kalkül.
Volker Pabst, Istanbul
Erdogan hat in der Krise mit Saudiarabien bisher taktisch klug gehandelt. Hier im Jahr 2016 mit dem saudischen König Salman. (Bild: AP Photo / Burhan Ozbilici)

Erdogan hat in der Krise mit Saudiarabien bisher taktisch klug gehandelt. Hier im Jahr 2016 mit dem saudischen König Salman. (Bild: AP Photo / Burhan Ozbilici)

Fast täglich kommen neue Details zum mysteriösen Verschwinden des saudischen Journalisten und Regierungskritikers Jamal Kashoggi zum Vorschein. Und mit jeder neuen Information verhärtet sich der grausige Verdacht, dass saudische Regierungsagenten einen eigenen Staatsbürger vorsätzlich brutal ermordet haben. Als Letztes war es die Smartwatch des Verschwundenen, die Tonaufnahmen gemacht haben soll, welche die Folterung und die Ermordung Kashoggis belegen und nun über sein bei seiner Verlobten befindliches Handy abrufbar sein sollen.

Meist dringen diese Erkenntnisse über eine der regierungsnahen türkischen Zeitungen, die sich jeweils auf anonyme Quellen berufen, an die Öffentlichkeit. In offiziellen Stellungnahmen der türkischen Regierung wurde zwar mehrmals von einem schweren Verdacht gesprochen, und am Samstag beklagte Aussenminister Cavusoglu auch den Mangel einer Kooperationsbereitschaft der saudischen Behörden bei der Aufklärung.

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Konkurrent, Feind, Partner

Erdogan, der gerne und oft zum verbalen Zweihänder greift, scheint in Bezug auf Saudiarabien bis anhin bemüht, eine offene Eskalation zu vermeiden oder zumindest eine Hintertüre für eine Lösung der Krise offen zu halten. Dies mag überraschen, denn Riad und Ankara sind alles andere als strategische Verbündete.

Beide streben in der sunnitisch-islamischen Welt eine Vormachtstellung an. Bei allen Bekenntnissen zur laizistischen türkischen Verfassung stehen Erdogan und seine Regierungspartei AKP dem politischen Islam der Muslimbrüder nahe; in Riad gelten diese – wie alle Herausforderer des wahhabitischen Machtanspruchs – als Staatsfeinde. In Ägypten unterstützte Erdogan entsprechend den früheren Präsidenten Mursi, Saudiarabien die Putschisten um General Sisi.

Die türkische Partnerschaft mit Katar, einem wichtigen Sponsor der Muslimbrüder, verursacht insbesondere seit der Blockade Saudiarabiens und seiner Verbündeter gegen das gasreiche Emirat eine weitere tiefe Bruchlinie. Doch bereits zuvor stand man sich, etwa in Libyen, in verfeindeten Allianzen gegenüber. In Syrien wiederum macht vor allem die türkische Zusammenarbeit mit dem saudischen Erzfeind Iran Ankara für Riad zum Gegenspieler.

Trotz der Rivalität auf zahlreichen Schauplätzen hat man aber immer eine Ebene der Zusammenarbeit gewahrt. Nach dem gescheiterten Coup gegen Erdogan etwa kam die saudische Regierung türkischen Auslieferungsgesuchen umgehend nach. Ein offener Bruch zwischen Riad und Ankara hätte weitreichende Konsequenzen, die für die zurzeit ökonomisch stark geschwächte Türkei eine grosse Herausforderung darstellen würden. Dies umso mehr, als auch relativ enge wirtschaftliche Kontakte zwischen den beiden Staaten bestehen.

Die weitgehend auf Rohstoffimporte angewiesene Türkei bezieht etwa jedes neunte Fass Rohöl aus Saudiarabien und exportiert Güter im Wert von mehreren Milliarden Dollar ins Königreich am Golf. Damit ist Saudiarabien zwar bei weitem nicht der wichtigste Handelspartner. Dennoch würde der Wegfall dieses Marktes schmerzen. Besonders zu spüren bekäme dies der Tourismussektor. Wohlhabende und meist auch ziemlich ausgabefreudige Gäste aus dem Golf sind zu einer wichtigen, wenn auch im Land nicht sonderlich beliebten Stütze für die Branche geworden.

Lieber nicht im Alleingang

Dennoch stellt die Tat, so sich der Verdacht denn bewahrheitet, in ihrer Dreistigkeit für die Türkei als Staat, wohl aber auch für Erdogan persönlich eine unglaubliche Provokation dar, die nicht unbeantwortet bleiben kann. Der potenzielle Reputationsschaden ist beträchtlich, nicht zuletzt weil die Türkei zum sicheren Zufluchtsort vieler arabischer Dissidenten geworden ist, was Erdogan für seinen Anspruch als führende Kraft in der muslimischen Welt zu nutzen weiss.

Dass sich die türkische Regierung in der Affäre über die Verletzung ihrer Souveränität empört, entbehrt bei aller grundsätzlichen Berechtigung aber nicht einer gewissen Ironie. In jüngerer Vergangenheit gab es mehrere Fälle geheimdienstlich orchestrierter Rückschaffungen von türkischen Staatsbürgern aus dem Ausland, in die das Gastland längst nicht immer eingeweiht war.

Die Affäre Khashoggi ist auch für Erdogan eine Gratwanderung. Sollte sich die saudische Regierung als Drahtzieherin eines Mordkomplotts auf türkischem Boden herausstellen, wird eine heftige Reaktion aus Ankara unvermeidlich sein. Die damit verbundenen politischen und ökonomischen Verwerfungen will man aber möglichst gering halten. Deshalb spielt Ankara auf Zeit, bis sich entweder eine gesichtswahrende Lösung für alle Parteien gefunden oder genug internationale – und insbesondere amerikanische –Empörung für eine breite Allianz aufgebaut hat.

Dass mit der Freilassung von Pastor Brunson gerade jetzt einer der grössten Störfaktoren im türkisch-amerikanischen Verhältnis beseitigt wurde, spielt Erdogan in die Hände, der wachsende internationale Druck auf Riad ebenfalls. Erdogans bisherige Zurückhaltung könnte sich gelohnt haben

https://www.nzz.ch/international/der-fall-khashoggi-ist-fuer-erdogan-eine-gratwanderung-ld.1428105

Apple-Watch nahm laut türkischen Medien Mord an Khashoggi auf

13. Oktober 2018, 18:07

Trump droht mit schwerer Bestrafung Saudi-Arabiens. Die Regierung in Riad wies diesen Vorwurf zurück

Istanbul/Washington/Riad – Der verschwundene saudische-arabische Journalist und Regierungskritiker Jamal Khashoggi soll nach einem türkischen Medienbericht seine Ermordung mit einer Apple-Computer-Uhr aufgezeichnet haben. US-Präsident Donald Trump erklärte am Samstag in einem Interview mit der TV-Station CBS, Saudi-Arabien werde „schwer bestraft“, falls sich die Vorwürfe bestätigen dürften.

Die große türkische Zeitung „Sabah“ berichtete am Samstag, dass der Journalist noch vor Betreten des saudi-arabischen Konsulats eine Aufnahmefunktion an seiner Apple Watch eingeschaltet habe. Sein Handy, das er seiner vor dem Konsulat wartenden Verlobten gegeben habe, sei mit der Uhr an seinem Handgelenk synchronisiert gewesen. So seien die Geräusche während seiner Exekution gespeichert worden. Die Aufnahmen deuten demnach darauf hin, dass er gefoltert und umgebracht wurde.

Daten ausgewertet

Der türkische Geheimdienst MIT und die Polizei hätten die Daten, die in den iCloud-Speicher übertragen wurden, dann ausgewertet, berichtete „Sabah“ weiter. iCloud ist ein Dienst von Apple, mit dem Daten gespeichert und auf mehreren Geräten synchronisiert werden können.

„Die Momente, in denen sich das Attentäter-Team … mit Khashoggi beschäftigt hat, wurden Minute für Minute aufgezeichnet“, schreiben die Autoren. Die Täter hätten aber versucht, einige Daten zu löschen. „Sabah“ beruft sich auf „vertrauenswürdige Quellen“. Nach Kashoggis Tod hätten saudi-arabische Geheimagenten bemerkt, dass die Aufnahme weiter laufe, berichtete die Zeitung. Sie hätten Kashoggis Fingerabdruck benutzt, um das Telefon zu entsperren, und einige, aber nicht alle Daten gelöscht. Die Aufnahmen seien später auf Kashoggis Handy gefunden worden. Die türkische Polizei geht davon aus, dass der Journalist im Konsulat ermordet wurde

https://derstandard.at/2000089278877/Khashoggi-Apple-Watch-zeichnete-laut-Medienbericht-Ermordung-auf

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