Der saudische Journalist Jamal Khashoggi soll ermordet worden sein: Saudiarabien soll ein Killerkommando nach Istanbul geschickt haben, um den prominenten Kritiker des Herrscherhauses aus dem Weg zu räumen. Riad bestreitet dies und spricht von haltlosen Anschuldigungen. Die türkischen Behörden gehen davon aus, dass der bekannte saudische Journalist Jamal Khashoggi tot ist. Die türkische Polizei gehe nach ersten Erkenntnissen davon aus, dass Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde, berichteten Samstagnacht mehrere Medien. «Wir gehen von vorsätzlichem Mord aus», zitierten die Nachrichtenagenturen Reuters und AP anonyme Regierungsquellen. Der Leichnam sei später aus dem Konsulat geschafft worden. Dabei wäre Khashoggi nur einer von vielen, die sich Kritik erlaubt haben und deshalb in des Teufels Küche kommen. Erst vor ein paar Tagen wurde ein Freund Khashoggis, der Ökonom Essam al-Zamil, der die geplante Teilprivatisierung der Ölgesellschaft Aramco infrage gestellt hatte, wegen Terrorismusverdachts belangt. Und Frauenaktivistinnen, die das Ende der männlichen Vormundschaft verlangen, sind „Verräterinnen“.

Der saudische Journalist Jamal Khashoggi soll ermordet worden sein
Saudiarabien soll ein Killerkommando nach Istanbul geschickt haben, um den prominenten Kritiker des Herrscherhauses aus dem Weg zu räumen. Riad bestreitet dies und spricht von haltlosen Anschuldigungen.
Inga Rogg, Istanbul
Ein Demonstrant hält ein Foto des vermissten Journalisten Jamal Khashoggi während eines Protests vor der saudischen Botschaft in Istanbul am 5. Oktober hoch. (Bild: Osman Orsal / Reuters, Archiv)

Ein Demonstrant hält ein Foto des vermissten Journalisten Jamal Khashoggi während eines Protests vor der saudischen Botschaft in Istanbul am 5. Oktober hoch. (Bild: Osman Orsal / Reuters, Archiv)

Die türkischen Behörden gehen davon aus, dass der bekannte saudische Journalist Jamal Khashoggi tot ist. Die türkische Polizei gehe nach ersten Erkenntnissen davon aus, dass Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde, berichteten Samstagnacht mehrere Medien. «Wir gehen von vorsätzlichem Mord aus», zitierten die Nachrichtenagenturen Reuters und AP anonyme Regierungsquellen. Der Leichnam sei später aus dem Konsulat geschafft worden.

Das saudische Herrscherhaus soll für den Mord eigens ein Killerkommando in die Türkei geschickt haben. Die Ermittler gingen davon aus, dass ein 15-köpfiges Team «aus Saudiarabien kam», um den Mann zu ermorden, berichte die Washington Post unter Berufung auf ungenannte Quellen. Kashoggi hatte regelmässig Debattenbeiträge für das Blatt geschrieben. Der Nachrichtenagentur AFP berichtete ebenfalls, Riad habe für den Mord ein Team nach Istanbul geschickt, dieses habe das Land noch am gleichen Tag verlassen. Laut dem panarabischen Sender Al-Jazeera wurde der Leichnam von Kashoggi in einer Gegend von Istanbul entdeckt. Al-Jazeera gehört freilich Katar, gegen das Saudiarabien im vorigen Jahr eine Blockade verhängt hat.

Riad bietet Unterstützung an

Khashoggi hatte am Dienstag nach Angaben seiner türkischen Verlobten und eines Freundes das saudische Konsulat in Istanbul besucht, um dort eine Bestätigung der Scheidung von seiner saudischen Ex-Frau zu besorgen. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Türkische Regierungsvertreter haben seitdem mehrfach erklärt, Khashoggi habe das Konsulat nie verlassen. Dies bekräftigte am Samstag auch die Polizei. Der Journalist sei um 13 Uhr 12 in das Konsulat gegangen und nicht wieder herausgekommen, berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Zur gleichen Zeit hätten sich 15 saudische Staatsbürger, unter ihnen einige Beamte, im Konsulat befunden, die in zwei Flugzeugen nach Istanbul gekommen seien. Später seien sie in das gleiche Land zurückgekehrt, aus dem sie gekommen seien, berichtete Anadolu.

Die türkische Regierung hat die Berichte bisher nicht bestätigt, und türkische Medien berichten bisher nur unter Berufung auf ausländische Medienberichte über den angeblichen Mord. Die türkische Staatsanwaltschaft hat am Samstag jedoch Ermittlungen aufgenommen. Der Sprecher der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), Ömer Celik, kündigte an, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan werde am Sonntag eine «wichtige Erklärung» abgeben. Das Verschwinden eines Journalisten in einem sicheren Land wie der Türkei werde genau unter die Lupe genommen, sagte Celik.

Ein Vertreter des saudischen Konsulats in Istanbul hat die Berichte als «haltlose Anschuldigungen» zurückgewiesen. Das Königshaus sorge sich um die Sicherheit und Wohlergehen seiner Bürger, wo immer sie sind, zitiere ihn der panarabische saudische Sender al-Arabiya. Zudem habe Riad mit türkischer Einwilligung Ermittler nach Istanbul geschickt, um die Untersuchungen im Fall des «Verschwindens des saudischen Staatsbürgers Jamal Khashoggi zu unterstützen». Saudiarabien schätze, dass die «brüderliche türkische Regierung» die Bitte akzeptiert habe.

Khashoggi fühlte sich nicht mehr sicher

Saudiarabien hat in den letzten Tagen vehement dementiert, Khashoggi werde auf dem Konsulat festgehalten oder sei gar verschleppt worden. «Er ist nicht die Person, die wir über Interpol zurück ins Königreich gebracht haben», erklärte Kronprinz Mohammed bin Salman am Samstag. Saudische Medien hatten am Dienstag berichtet, ein Saudi sei im Ausland festgenommen und nach Riad transportiert worden. Auf sozialen Medien löste dies Spekulationen aus, es könnte sich dabei um Khashoggi handeln. «Wir sind besorgt darüber, was Khashoggi zugestossen ist», so der Kronprinz. «Wenn er in Saudiarabien wäre, wüsste ich das.» Gleichzeitig bot er den türkischen Behörden, das Konsulat zu durchsuchen.

Khashoggi ist kein Gegner des Königshauses, einst war er sogar als Berater tätig. Das änderte sich freilich seitdem der Kronprinz faktisch das Sagen hat. Hunderte von Aktivisten, Geistlichen und Geschäftsleuten wurden festgenommen. Khashoggi sah immer weniger Spielraum für kritische Äusserungen. Im vergangenen Jahr verliess der 59-Jährige das Land und ging ins Exil.

https://www.nzz.ch/international/der-saudische-journalist-jamal-khashoggi-soll-ermordet-worden-sein-ld.1426336

Gegen den Krieg in Jemen

In seiner ersten Kolumne in der «Washington Post» bezeichnete der Journalist seine eigene Biografie als Teil eines saudischen Paradoxes. Mohammed bin Salman ist angetreten, die saudische Wirtschaft und Gesellschaft zu reformieren. Dabei versucht das Königshaus, alle aus seiner Sicht extremen Gesichtspunkte zu unterdrücken: Darunter fallen sowohl liberale Reformer wie auch konservative Kleriker. Khashoggi schrieb, er unterstütze die Reformagenda «Vision 2030» des Kronprinzen. Eine Reform dürfe aber nicht mithilfe von Repressionen durchgeführt werden. Der Journalist kritisierte zudem in westlichen Medien die Impulsivität des Kronprinzen sowie den brutalen Krieg des Königreichs in Jemen.

https://www.nzz.ch/international/der-vermisste-journalist-jamal-khashoggi-ist-ein-beispiel-des-saudischen-paradoxes-ld.1426405

Jamal Khashoggi: Ein saudischer Dissident wider Willen

Kopf des TagesGudrun Harrer4. Oktober 2018, 07:00

Der saudi-arabische Journalist soll am Dienstag im saudischen Konsulat in Istanbul verschwunden sein

Wo ist Jamal Khashoggi? Von Entführung war die Rede, nachdem der saudi-arabische Journalist und ehemalige Medienmanager am Dienstag im saudischen Konsulat in Istanbul verschwand – und nicht mehr herauskam. Jedenfalls behauptet Letzteres seine türkische Lebensgefährtin, die zugleich der Grund dafür gewesen sein dürfte, dass sich der in Riad in Ungnade gefallene Khashoggi überhaupt in die Höhle des Löwen begab. Denn der 60-Jährige, der Saudi-Arabien 2017 verließ und nun in Washington lebt, wollte offenbar seine Scheidungspapiere abholen.

Die Saudis dementieren, mit Khashoggis Verschwinden etwas zu tun zu haben, er habe das Konsulat verlassen. Die türkischen Behörden äußern sich widersprüchlich darüber, ob er noch dort ist oder nicht.

Die „Washington Post“, in der Khashoggi seine kritischen, aber nie polemischen Kommentare zu den Entwicklungen in Saudi-Arabien unter Kronprinz Mohammed bin Salman veröffentlichte, meldete sich zu Wort: „Es wäre empörend, wenn Khashoggi wegen seiner Arbeit als Journalist festgenommen worden wäre.“

Teufels Küche

Dabei wäre Khashoggi nur einer von vielen, die sich Kritik erlaubt haben und deshalb in des Teufels Küche kommen. Erst vor ein paar Tagen wurde ein Freund Khashoggis, der Ökonom Essam al-Zamil, der die geplante Teilprivatisierung der Ölgesellschaft Aramco infrage gestellt hatte, wegen Terrorismusverdachts belangt. Und Frauenaktivistinnen, die das Ende der männlichen Vormundschaft verlangen, sind „Verräterinnen“.

Jamal Khashoggi war nicht immer Dissident, eine Zeitlang war er sogar Berater des früheren saudischen Geheimdienstchefs Prinz Turki al-Faisal. Als Journalist versuchte er sich jahrelang zu arrangieren, bekam aber immer engere Grenzen gesetzt. 2003 wurde er zum ersten Mal vom saudischen Informationsministerium gefeuert, nach nur 52 Tagen als Chefredakteur von „al-Watan“. Die Geschichte wiederholte sich 2010, immerhin nach drei Jahren auf dem Chefposten, wieder bei „al-Watan“.

2015 wurde Khashoggi Generalmanager des TV-Senders Al-Arab News mit Hauptquartier in Bahrain. Diesmal dauerte es nur ein paar Stunden: Nach einem Interview mit einem bahrainischen Oppositionellen wurde gleich das ganze Unternehmen geschlossen. 2016 hieß es, dass Khashoggi in Saudi-Arabien prinzipiell untersagt wurde, sich öffentlich zu äußern. 2017 verließ er das Königreich. (Gudrun Harrer, 3.10.2018)

https://derstandard.at/2000088627668/Jamal-Khashoggi-Ein-saudischer-Dissident-wider-Willen

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