Vergewaltigung als perfide Kriegswaffe: Die Politiker der Welt wissen darum seit vielen Jahren! Und Massenvergewaltigungen in Kriegsgebieten wie dem Osten von Kongo-Kinshasa nehmen zu und werden immer brutaler. Das hat durchaus eine grausame Logik: Nicht nur die Frauen selbst werden dadurch lebenslang geschädigt, sondern auch die Gesellschaft wird zersetzt. Experten, die sich mit dem Krieg in dem rohstoffreichen Land beschäftigen und ein Ende fordern stoßen auf taube Ohren: Viele haben Nutzen von dem Krieg und wollen gar nicht, dass er beendet wird.Wo sind die Mitmenschen?

Vergewaltigung als perfide Kriegswaffe
Massenvergewaltigungen in Kriegsgebieten wie dem Osten von Kongo-Kinshasa nehmen zu und werden immer brutaler. Das hat durchaus eine grausame Logik: Nicht nur die Frauen selbst werden dadurch lebenslang geschädigt, sondern auch die Gesellschaft wird zersetzt.
David Signer, Dakar
Ein junges Flüchtlingsmädchen aus dem Osten Kongos. (Bild: Goran Tomasevic / Reuters)

Ein junges Flüchtlingsmädchen aus dem Osten Kongos. (Bild: Goran Tomasevic / Reuters)

Denis Mukwege, der mit Nadia Murad den Friedensnobelpreis erhält, setzt sich seit über zwanzig Jahren für Vergewaltigungsopfer ein: sowohl praktisch, als Gynäkologe im kriegsgeplagten Osten von Kongo-Kinshasa, wie auch als Autor. Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe nimmt nicht ab, sondern zu, und sie wird immer brutaler, wie er feststellt. Durch Massenvergewaltigungen wird eine Gesellschaft mit minimalem Aufwand maximal destabilisiert. Vergewaltigung sei eine billige und effiziente Form des Terrors, sagt Mukwege. Abgesehen vom Schmerz und der Demütigung, die der Frau zugefügt wird, zerstört eine Vergewaltigung oft auch die Familie und den Sozialverband. Gerade in konservativen und religiösen Gesellschaften wird eine Vergewaltigte oft verstossen. Nach der erlittenen Gewalt bestraft man sie abermals, indem der Ehemann sie verlässt, weil er nicht mit einer Entehrten leben will. Wird eine Frau im Gefolge einer Vergewaltigung schwanger und kommt das Baby zur Welt, wird es zur unauflöslichen Erinnerung des erlittenen Traumas, zum Mahnmal der Schmach und kann die Frau wie die Verwandtschaft in einen Strudel widerstreitender Gefühle, von Mutterliebe bis Ekel und Hass, ziehen.

Oft führen Vergewaltigungen zu Verletzungen, die, abgesehen vom psychischen Widerwillen, ein weiteres Sexualleben und Schwangerschaften verunmöglichen. Ein vor allem in Afrika verbreitetes Problem sind Fisteln. Sie können nach Geburtskomplikationen und Vergewaltigungen entstehen und führen zu Inkontinenz. Die Betroffenen schämen sich und werden häufig wie Aussätzige aus der Gemeinschaft verstossen. Ein weiteres Problem ist Aids. In entlegenen Gebieten fehlt es an HIV-Tests und Medikamenten. Dafür blühen Halbwissen und Misstrauen. Auch aufgrund des Verdachts, sich mit dem Virus angesteckt zu haben, werden Vergewaltigungsopfer oft zu Parias.

Die Rechtsprechung, sei sie traditionell oder modern, und das Vertrauen in die Gerechtigkeit werden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Nur selten wagen es Opfer von kriegerischen Vergewaltigungen, die Täter anzuzeigen. Meist kennen sie die Männer gar nicht, und es herrschen generell Straflosigkeit, Korruption und Diskriminierung der Frauen in der Justiz. Die Chance, den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ist minimal, gross hingegen das Risiko, dass er sich für die Verzeigung rächt. Selbst wenn er im Gefängnis landet, kann sich immer noch ein Komplize an der Frau oder einem Familienmitglied rächen. Oft hält die Verwandtschaft selbst aus Angst vor Vergeltung das Vergewaltigungsopfer davon ab, zur Polizei zu gehen. Auch so wird noch lange nach der Tat selbst Zwietracht gesät.

Die physische Gewalt, der Frauen ausgesetzt waren, setzt sich fort in der sozialen und psychischen Gewalt ihrer Gemeinschaft, auf deren Stütze sie angewiesen wären. Vergewaltigung ist eine kriegerische Waffe, die langfristig eine ganze Gesellschaft zerrüttet.

https://www.nzz.ch/meinung/vergewaltigung-als-perfide-kriegswaffe-ld.1426207

Das Kongo Tribunal

29.10.2017 | 7 Min. | Verfügbar bis 29.10.2018 | Quelle: Das Erste

Weil die Justiz im Osten der Demokratischen Republik Kongo tausende Verbrechen ignoriert, bringt der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau den Prozess kurzerhand auf die Theaterbühne.

Video: https://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Das-Kongo-Tribunal/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=47256386

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