Goldrausch in Ghana: Die Suche nach dem glänzenden Edelmetall treibt Goldgräber, Glücksritter und große internationale Minenkonzerne immer tiefer in den…Die Ahafo-Mine ist mit Geldern der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) finanziert, die dem US-Konzern Newmont einen Kredit über 125 Millionen Dollar für dieses Megaprojekt gegeben hat. 9500 Menschen verloren ihr Land, 5000 wurden von Newmont umgesiedelt

Goldrausch in Ghana auf der Spur der Gier

Die Suche nach dem glänzenden Edelmetall treibt Goldgräber, Glücksritter und große internationale Minenkonzerne immer tiefer in den westafrikanischen Dschungel.

Von Thomas Seifert und Brigitte Reisenberger

Aroa und Kwakuopaku hat das Goldfieber gepackt. Mit Spitzhacke und Schaufel mühen sich die beiden ab und holen goldhaltiges Gestein aus der Erde. In der Mine Noyem in der Ostregion Ghanas wird Gold abgebaut wie zu biblischen Zeiten. Die Mine sieht unspektakulär aus: eher wie ein Schlammloch, der Farbkontrast changiert zwischen Ocker – Erde, Goldsucher, Arbeitsgerät – und dem satten Grün des Dschungels.

Ein Team holt das Erz aus dem Boden, das Gestein wird fein gemahlen, Trägerinnen bringen den Schlamm zu den Goldwäschern. Dort lässt Kwesi die Brühe über ein Tuch laufen, in dem die Goldpartikel hängen bleiben. Er gibt Wasser aus dem Kübel in einen Teller, den er in kreisende Bewegung versetzt. Da ist er: feinster Goldstaub. Kwesi ist ein Sonntagskind und hat ein fröhliches Gemüt. Er grinst und fragt: „Na, schon einmal so schönes Gold gesehen?“

Aroa, Kwakuopaku und Kwesi sind Kleinschürfer, hier in Ghana nennt man sie ¿Galamsey¿ (vom englischen „gather and sell“). 400.000 bis 500.000 Menschen in Ghana verdienen ihren Lebensunterhalt als Kleinschürfer, etwa 85 Prozent davon illegal. Die in Wien ansässige Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (Unido) schätzt, dass sich weltweit bis zu 15 Millionen Menschen als Kleinbergleute verdingen, 25 Prozent des Goldes weltweit werden von Leuten wie Aroa, Kwakuopaku oder Kwesi gefördert.

Die Frauen in Noyem bekommen umgerechnet 18 US-Dollar Lohn pro Woche, die Männer etwas mehr. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass immer wieder Stollen einstürzen und am Ende des Verarbeitungsprozesses das Gold mit giftigem Quecksilber vom Gestein gelöst wird. Unido-Experten schätzen, dass pro gewonnenem Gramm Gold zwei bis fünf Gramm Quecksilber in die Umwelt gelangen. Das Schwermetall schädigt Leber, Nieren und das Zentralnervensystem.

Zwei Olympia-Becken Gold.

Die Gier nach Gold trieb Abenteurer an, lockte Entdecker und Glücksritter. Conquistadores träumten vom Goldland Eldorado, Gold führte Mitte des 19. Jahrhunderts Glücksritter nach Kalifornien und an den Colorado River, wo der Mythos des Wilden Westens begründet wurde. Gold bildete längst das Fundament der Weltwirtschaft, bis 1971 waren die meisten Währungen durch den Goldstandard durch das glänzende Edelmetall abgesichert.

Bis zum heutigen Tag wurden weltweit rund 161.000 Tonnen Gold gefördert: Damit könnte man kaum zwei Olympia-Schwimmbecken füllen; wenn man alles Gold der Welt zu einem riesigen Würfel schmelzen würde, dann hätte dieser 20,2 Meter Kantenlänge. In Zeiten der Krise hat Gold Konjunktur: Der Preis je Feinunze (31,1 g) liegt derzeit um die 715 Euro, Ende Februar war ein Rekordwert von 778 Euro erreicht.

Eine Tonne Gestein für drei Gramm Gold

Drei Gramm. So viel – besser so wenig – Gold ist in einer Tonne Gestein der Bogoso-Prestea-Mine. Hier schürft nicht eine Handvoll Goldsucher, sondern der internationale Bergbaukonzern Golden Star. Die riesige Grube hat 800 Meter Durchmesser, ist 200 Meter tief, 40.000 Tonnen Erz werden jeden Tag von hier in schweren, überdimensionierten Caterpillar-Muldenkippern in die nahe gelegene Aufbereitungsanlage transportiert. In nur vier Tagen fällt eine Abfallmenge an, die dem gesamten Weltgoldbestand entspricht. Aus der riesigen Grube, vor der der Bergbauingenieur und Minenmanager Nigel Tamlyn steht, können so gerade 13 Kilo Gold täglich gewonnen werden. Der Riesenaufwand lohnt sich: Auf den Goldmärkten erzielen die 13 Kilo einen Preis von rund 300.000 Euro. Um etwa genügend Gold für einen Ehering zu schürfen, müssen annähernd zehn Tonnen Gestein verarbeitet werden. ¿Gold ist hoch konzentrierter Wert. Das Edelmetall hat ¿ anders als Platin ¿ wenige Verwendungsmöglichkeiten, aber Frauen schätzen das glänzende Metall.¿

Ob er selbst ein goldenes Händchen hat? Er zeigt seine Hände ¿ kein Goldring ziert den Ringfinger. „Glücklicherweise schätzen die Menschen Gold als soliden Wertträger. Sonst hätte ich hier nichts zu tun“, sagt Tamlyn.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Im kleinen Ort Teberebie, einem Ort nahe der Iduapriem-Mine des Bergbaukonzerns AngloGold-Ashanti rund 450 Kilometer von Accra entfernt, hat Cecilia Otoo „Irish Bar“ an die azurblaue Mauer ihrer Hütte gepinselt. In dieses Dorf wurden jene umgesiedelt, deren Land für Errichtung und Betrieb der Mine gebraucht wurde. Dass die Vierzigjährige einmal von den Einkünften einer Bar würde leben müssen, „wer hätte das gedacht“? Früher, da hatte sie eine kleine Landwirtschaft, nicht weit von hier.

Doch ihr Land liegt heute unter Tonnen von Abraum begraben, dort, wo sie einst Cassava angebaut hat, gräbt heute der Minenkonzern AngloGold-Ashanti nach Gold. „Früher musste ich keine Lebensmittel einkaufen; alles, was wir zum Leben brauchten, haben wir selbst angebaut.“ Und heute? Sie zeigt stumm auf die nur ein paar hundert Meter entfernten – mindestens 50 Meter hohen – Abraumhalden der Goldmine. „Das Gold“, meint Frau Otoo, „nützt uns gar nichts. Den Minenkonzernen vielleicht, aber uns?“

Aus Adisakrom – nicht weit von Teberebie – wollen die meisten Einwohner weg: Der Chief beklagt, dass AngloGold-Ashanti Abwässer in den Fluss Angonaben – bis zum Bau der Mine die Lebensader des Dorfs – leiten würde. „Der Fluss war stets eine wichtige Wasserquelle für unser Dorf, aber jetzt ist das Wasser nicht mehr zu gebrauchen“, sagt er.

Die Tochter des Chief, sie trägt ein oranges Kleid mit traditionellen afrikanischen Ornamenten, um den Hals schlingt sich ein zartes Goldkettchen, mischt sich ein. Wenn man das Wasser vom Brunnen, den AngloGold gebaut hat, abkochte, dann würde sich auf der Oberfläche ein dünner Film bilden, der mit freiem Auge sichtbar sei: „Seltsam, nicht?“

Wie eine UFO-Landung.

„Für die Bauern in Ahafo war unsere Goldmine wie ein Raumschiff, das in ihrem Vorgarten gelandet ist“, meinte Chris Anderson, Chefmanager von Newmont Ghana Gold Limited, bei einem Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ in Accra. Wo vorher nur Dschungel und Felder waren, klaffen nun die riesigen Gruben der größten Goldmine Ghanas. Im gesamten Umkreis der Mine leben 190.000 Menschen, über 95 Prozent davon sind Subsistenzbauern und -bäuerinnen.

Die Ahafo-Mine ist mit Geldern der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) finanziert, die dem US-Konzern Newmont einen Kredit über 125 Millionen Dollar für dieses Megaprojekt gegeben hat. 9500 Menschen verloren ihr Land, 5000 wurden von Newmont umgesiedelt, darunter auch ein großer Teil der Bevölkerung von Ntotroso. Die Bewohner leben in einem Umsiedlungsdorf, das an eine Reihenhaussiedlung erinnert. Auf den Stufen vor dem Haus mit der Nummer NT0073 sitzen einige junge Frauen mit ihren Kindern.

Es donnert laut, alle vor dem Haus schrecken auf. „Jetzt sprengt Newmont schon wieder!“ Abigail Kmwa lehnt an einem Stützpfosten des Vordachs. In der Ferne sieht man die Abraumhalden der Mine, weiter hinten steigt eine Staubwolke auf. Abigail kommt gerade aus der Kirche, sie trägt ein langes gelb gemustertes Kleid, ihr Gebetsbuch hält sie noch unterm Arm. „Unser Leben hier ist miserabel“, sagt sie. Das Ackerland ihrer Familie war dort, wo jetzt die Produktionsstätte ist, sie lebt nun in der neuen Siedlung. Ihre Botschaft an Menschen, die Gold kaufen: „Sie sollten sich klar darüber sein, dass das Gold von unserem Farmland stammt – zusammen mit unserem Blut und Schweiß.“

Die Bilanz des Goldbooms.

Fährt man von Ntotroso weiter ins Minengelände, dann gelangt man an den Subri-Damm. Hier wurde der Fluss aufgestaut, die Goldproduktion verschlingt viel Wasser. Links der Fluss, eingerahmt vom Regenwald, rechts ein Schlackebecken, wo einst das Flussbett war. Ein plakatives Vorher-nachher-Bild, wie aus einer Greenpeace-Broschüre.

Ist der Preis für den Goldrausch zu hoch? Sind die drei Prozent Förderlizenzgebühren, die die Minengesellschaften an den Staat bezahlen, genug? Benjamin Aryee ist der für den Minensektor zuständige Spitzenbeamte, er ist eloquent und spricht gepflegtes Oxford-Englisch. Seine Antwort: „Ich wünschte, alle Gewinne, die der Bergbau erwirtschaftet, würden in Ghana bleiben. Aber die Realität sieht anders aus.“

Der Bergbau trägt 40 Prozent zu den Exporterlösen und sechs Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Eine Kosten-Nutzen-Analyse will Aryee dennoch nicht abgeben. Nur so viel: „Ghana wäre heute nicht dort, wo es jetzt ist.“

Die Entwicklung sei in Kaskaden verlaufen, so Aryee. Kakaoplantagen haben den Grundstein für die Entwicklung gelegt, dann kam der Goldbergbau, und nun hat man vor der Küste Öl gefunden. Dem Nachbarn Côte d’Ivoire und dem nahe gelegenen Nigeria haben Kakaoexport und Ölreichtum nicht nur Gutes gebracht, aber Ghana ist vom Fluch der Ressourcen verschont geblieben. Der Machtwechsel von Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo zu John Evans Atta Mills Ende Dezember ging ruhig über die Bühne, das Land gilt als vergleichsweise gut verwaltet.

Eine funktionierende Bürgergesellschaft greift die Themen auf: Der Vorsitzende der minenkritischen Organisation WACAM, Daniel Owusu-Koranteng, meint, die Bevölkerung würde den Preis für den GoldBoom bezahlen, die internationalen Minenkonzerne seien die wahren Profiteure. Es werde zu wenig über Wasserverschmutzung, Vertreibung von Menschen und die riesigen Abraumhalden, die wertvolles Land zerstören, gesprochen.

Aber es geht Owusu-Koranteng nicht darum, jemanden dazu zu bringen, auf Gold zu verzichten. „Aber ich möchte die Menschen daran erinnern, dass Gold ein Zeichen der Liebe und der Reinheit ist. Wenn das Gold dafür verantwortlich ist, dass tausende ihre Lebensgrundlage verlieren, wenn ihr Trinkwasser verseucht wird, dann verliert Gold seinen Symbolwert.“

(„Die Presse am Sonntag“, Print-Ausgabe, 15.03.2009, Fotos: Thomas Seifert

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