Die Welt feierte 1968 Olympia in Mexico! Sie erfuhr nicht, dass Mexicos Regierung vor der Eröffnung ein Massaker organisierte, damit Studentenproteste nicht die Spiele stören sollten. Hunderte wurden getötet, Tausende festgenommen, die demokratische Bewegung erstrickt!

Die 68er-Revolte, die im Blutbad endete

Nicht nur in Europa war 1968 Zeit des Aufbegehrens: Doch in Mexiko schlug die Regierung die Proteste wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele mit Gewalt nieder. Bei einer Kundgebung vor genau 50 Jahren im Stadtteil Tlatelolco in Mexiko-Stadt feuerten Spezialeinheiten und Militär in die Menschenmassen. Es dauerte Jahrzehnte, bis in etwa bekannt wurde, was am 2. Oktober 1968 wirklich geschah.

Nicht erst 1968 war in Mexiko die Kritik an der regierenden Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) immer lauter geworden. Schon davor hatten vor allem studentische Gruppen versucht, die Macht der seit 1929 herrschenden Partei herauszufordern. Doch erst als der Funke von 1968 auch nach Mexiko übersprang, entstand eine Massenbewegung gegen die autoritären Methoden der De-facto-Einheitspartei. Gefordert wurde mehr Freiheit in einer Gesellschaft, die man durch die Alleinherrschaft der PRI stark beschnitten sah.

Bestreikte Unis als Makel für Olympische Spiele

Im August wurden mit der Autonomen Universität und dem Polytechnischen Institut zwei der größten Hochschulen des Landes bestreikt. Immer wieder kam es zu Kundgebungen mit Zehntausenden Menschen – und immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär.

Mexikanische Soldaten auf einer Brücke, 1968

AP
Verschanzte Soldaten am Tag des Massakers

Im September spitzte sich die Situation dann zu. Am 12. Oktober sollten die Olympischen Sommerspiele in Mexiko-Stadt eröffnet werden – und die Regierung von Präsident Gustavo Diaz Ordaz fürchtete, dass die Studierendenproteste das Großereignis stören könnten. Sie witterte eine kommunistische Verschwörung. Mexiko, das sich mitten im wirtschaftlichen Aufstieg vom Entwicklungsland befand, wollte sich der Welt als modern und makellos präsentieren.

Ende September wurden die besetzten Unis vom Militär eingenommen, auch bei Kundgebungen gingen die Sicherheitskräfte brutal vor – etliche Menschen starben. Doch das große Blutbad sollte am 2. Oktober folgen.

Zehntausend in der Falle

Der Streikrat der Universitäten rief zu einer Kundgebung auf dem Platz der drei Kulturen im Stadtteil Tlatelolco auf. Tausende Menschen versammelten sich in den Nachmittagsstunden – selbst bei dieser Zahl gehen die Schätzungen noch heute auseinander. Rund 10.000 sollen es gewesen sein, begleitet von einem Großaufgebot an Militär, das den Platz abriegelte.

Panzer und Soldaten in Tlatelolco, 1968

AP
Panzer auf dem Platz am Tag nach dem Massaker

Gegen 18.00 Uhr fielen erste Schüsse, das Militär eröffnete daraufhin das Feuer – und schoss wahllos in die Menschenmenge wie auch auf umliegende Häuser. Chaos brach aus, viele Menschen versuchten, von dem Platz zu fliehen, doch scheiterten an den Sperren, die das Militär errichtet hatte. Erst in den Nachtstunden fielen die letzten Schüsse.

Hunderte Tote, Tausende Festgenommene

Wie viele Menschenleben das Massaker gefordert hat, ist bis heute unklar. Unter den Toten waren nicht nur Studentinnen und Studenten. Zahlreiche Anwohner und Schaulustige hatten sich auf dem Platz aufgehalten, auch ganze Familien. Die Regierung leugnete zunächst, dass es viele Opfer gab, und sprach schließlich von 20 Toten, viel später wurde die Zahl auf rund 40 korrigiert. Augenzeugen sprachen von über 1.000 Toten, mittlerweile geht man von rund 250 bis 350 Todesopfern aus.

Zwischen 3.000 und 5.000 Menschen – auch hier gehen die Angaben auseinander – wurden in den folgenden Stunden festgenommen. In den umliegenden Häusern wurde der Strom gekappt und systematisch nach Geflüchteten gesucht. Die Festgenommen wurden durchsucht und viele von ihnen misshandelt – darunter auch Personen, die nur als Passanten zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Die Führungsriege der Proteste wurde zum Teil zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – und etliche verschwanden für immer.

Mexikansche Soldaten bei der Festnahmer von Demonstranten, 1968

AP
Mit den Festgenommenen wurde äußert brutal verfahren

Spezialeinheit löste Inferno aus

Nach offizieller Darstellung hätten Demonstrierende das Feuer eröffnet und das Militär habe nur darauf reagiert – eine Darstellung, die sich Jahre hielt. Was an dem Tag tatsächlich passierte, wurde Jahrzehnte verschwiegen. Erst nach und nach wurde klar, dass die Regierung das Massaker mit einer Geheimoperation provoziert hatte.

Eine Sondereinheit aus Polizisten und Militärs, das „Batallon Olimpia“ hatte Agenten in zivil – die sich gegenseitig an einem weißen Handschuh oder Taschentuch erkannten – in die Kundgebung gemischt. Zudem wurden Scharfschützen auf den Dächern rund um den Platz postiert. Diese eröffneten das Feuer und lösten so das Inferno aus. Sogar mit einem Maschinengewehr wurde in die Menge geschossen. Gleichzeitig erfolgte der Zugriff auf die Führungsriege der Protestierenden, die von einem Balkon aus zu der Menge sprechen wollte.

Friedenstaube als zynisches Symbol

Die mexikanische Protestbewegung wurde damit zerstört. Die Olympischen Spiele wurden zehn Tage nach dem Blutbad feierlich eröffnet. Die Omnipräsenz des Symbols der Friedenstaube bei den Spielen befanden zwar viele Menschen in Mexiko für zynisch, aber getrübt wurde das Event kaum. Und internationale Schlagzeilen schrieben die beiden schwarzen US-Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos, die bei der Siegerehrung des 200-m-Sprints die geballte Faust ausstreckten und zu Ikonen der „Black Power“-Bewegung wurden.

Das Massaker von Tlatelolco blieb auch in Mexiko ein Tabuthema, daran konnten auch jährliche Protestmärsche im Gedenken an die Opfer wenig ändern. Auch dass der spätere Literaturnobelpreisträger Octavio Paz seinen Botschafterposten in Indien aus Protest zurücklegte, sorgte nur kurz für Aufsehen. Die von der PRI dominierte Politik schwieg das Massaker tot.

Erste Aufklärung mit Niedergang der PRI

Erst als die PRI 1997 die absolute Mehrheit im mexikanischen Abgeordnetenhaus verlor, wurden erste Dokumente freigegeben und eine Untersuchungskommission eingerichtet. Ermittlungen gab es, nachdem im Jahr 2000 mit der Wahl von Präsident Vicente Fox die über 70-jährige Alleinherrschaft der PRI geendet hatte. Eine juristische Aufarbeitung gibt es bis heute nicht: Dem früheren mexikanischen Staatspräsidenten Luis Echeverria, zum Zeitpunkt des Massaker Innenminister, wurde zwar wegen Völkermords der Prozess gemacht, er wurde aber 2006 wegen Verjährung freigesprochen.

Vor wenigen Wochen erkannte Mexiko nun das Massaker als Verbrechen des Staates und Verletzung von Menschenrechten an. Die staatliche Kommission der Aufmerksamkeit für Opfer (CEAV) erklärte in einer Resolution, die Tat sei eines der tragischsten Ereignisse der jüngeren Geschichte des Landes und solle nun öffentlich aufgearbeitet werden. In einem ersten Schritt wurden 6.000 Papiere der mexikanischen Geheimdienste aus den Jahren 1940 bis 1985 auf der Plattform MIDAS veröffentlicht, die die autoritäre Unterdrückung in Mexiko zeigen sollen.

Links:

https://orf.at/stories/3042243/

 

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